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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Das kleine 1x1 transkulturell



Volker Rossow
05.10.2008, 10:56
In welcher Zeit lebst Du und in welcher Zeit pflegst Du?

Patienten, Helfer, Gebäude, Räume, Wissen und Technik mit ihren Vergangenheiten bilden die Gegenwart überall da wo wir helfen - oder uns geholfen wird.

Dazu ein sehr vereinfachtes Zeit-Beispiel:
Ihre Großeltern oder Urgroßeltern kommen aus einer ähnlichen Kultur wie Sie, aber sie haben eine andere Vergangenheit. Falls Sie sie getroffen haben, lebten Sie in einer gemeinsamen Gegenwart aber jeder bleibt/lebt trotzdem in einer anderen Zeit. Oft, aber nicht immer bleiben die Ur.– oder Großeltern in einer Zeit stehen, die Sie persönlich nicht mehr kennen oder nicht mehr für interessant finden. Sie lösen ihre persönlichen Probleme "moderner" – was auch immer das ist.

So wird eine Gegenwart, in der verschiedene Zeiten auf engstem Raum zusammen treffen, von etwas angenehmen oder unangenehmen – über hoch explosiv - bis unerträglich für jeden Beteiligten – z. B. im Krankenhaus, Stress-Situation im Alltag, aktives Zusammenarbeiten mit dem Patienten, Beziehung usw.

Diese Dramatik kann noch gesteigert werden, wenn Menschen aus anderen Kulturen zusammen treffen. Hier sind die erlebten Vergangenheiten noch unterschiedlicher, durch spezielle Lebensumstände (Klima, Krieg, Armut, Schulbildung). Menschen die in einer "Vergangen Zeit" bleiben möchten, erleben ihre Religion ähnlich stark wie Generationen vor uns ihre Religion erlebt haben. Lernen, Wissen erwerben und der Einsatz von Technik nimmt hier natürlich auch eine außergewöhnliche Dimension ein.

So begreifen wir sehr langsam, was eine einzelne Kultur ist. Doch wir (auch ich selbst) haben immer noch Schwierigkeiten, zu erfassen, welchen Faktor unsere Vergangenheit in der Gegenwart ausmacht. Die meiste Zeit denken wir nicht an sie, aber in unserem unbewussten Handeln und Aussagen ist die Vergangenheit ständig präsent ist. Dies gilt für uns, wie für unsere Patienten gleichfalls.

Dies ist dann nur noch zu steigern, wenn Patienten und Helfer unterschiedliche Sprachen sprechen und keine Möglichkeit haben, durch die Kommunikation eine gegenseitige Berechenbarkeit aufzubauen.
(Im Aufwachraum, auf Station – überall dort wo Patienten längere Zeit verbringen und gepflegt werden)

So ist uns oft nicht bewusst, dass wir in einer gemeinsamen Gegenwart leben, die dadurch gebildet wird, dass jeder in seiner eigenen Zeit bleiben möchte.

Viele westeuropäische Jugendliche nehmen diese Problematik kaum wahr, da sie in einem "modernen" Erziehungskonzept aufgewachsen sind. D.h. nach Möglichkeit nur machen was ihnen persönlich Spaß macht also in ihrer persönlichen Zeit bleiben. Zudem Medien und Moden eine gemeinsame Vergangenheit suggerieren, die Generationen vor uns noch nie erlebt haben. So kann es passieren, das junge Mensche sich nicht vorstellen können, anders zu leben und zu denken als sie. Dies ist sicher eine besondere Herausforderung für junge Pflegekräfte.
Aber auch erfahrene Pflegekräfte am Bett wie auch Pflegekräfte in Führungsverantwortung und Krankenpflegeschulen beachten den Faktor Zeit viel zu wenig.

Wir begreifen langsam was "Alt sein" ist. Aber wir haben Probleme zu erkennen in welchen Zeiten wir leben und pflegen. Dies ist für ein friedliches Zusammenleben ohne Grenzen lebensnotwendig, ob zu hause oder im Krankenhaus.

Wenn wir andere Menschen pflegen, sind wir immer mit der Vergangenheit des Patienten und mit der Zeit in der der Patient bleiben möchte - konfrontiert.

"Der fremdsprachige Patient spricht nicht nur eine andere Sprache", sondern er fordert die professionelle Gesundheitspflege heraus in die Gegenwart zu gelangen (Europa sind wir)

Nun bin ich gespannt welche Beiträge ich zu diesem Thema von euch bekomme!

Peter Münch
05.10.2008, 16:06
Hallo Volker

Ich habe Dein Thema erst angelesen, werde es noch eingehend lesen, wollte aber schon mal zurückmelden, dass es super ist dieses Thema zu eröffnen, gerade weil es schwer zu fassen und schwer in Sprache zu bringen ist. Werde mich noch weiter äußern, wenn ich Deinen Text richtig gelesen habe...

Peter

Cassiopaia
05.10.2008, 16:28
Hallo Volker!

Das ist sicherlich ein sehr intressantes und wichtiges Thema! Ich schließe mich im moment Peter an, vor allem aber, weil ich am Donnerstag auf einer Fachtagung zu dem Thema (oder zumindest zum Teil) bin. Pflege von Demenzkranken mit Migrationshintergrund. Werde mich danach sicherlich dazu melden!

Liebe Grüße einstweilen,
Cassiopaia

Peter Münch
05.10.2008, 18:54
Hallo Volker

Auch auf die Gefahr hin, dass es zu theoretisch oder zu philosophisch wird versuche ich mal einen Einstieg: Grundsätzlich leben wir ja alle in je eigenen Zeitgefügen über die wir uns in der Regel keine Rechenschaft ablegen. Wir leben einfach wie selbstverständlich da drin und fertig. Allein die Fähigkeit einmal zu realisieren, dass ein anderer Mensch einem anderen, eigenen Rhythmus folgt, anders tickt als ich ist schon eine Herausforderung, wenn man das wirklich versucht ernst zu nehmen. Wenn es dann noch um andere Kulturen geht, wird der Sprung noch schwerer. Kann es sein, dass wir als Äußerstes lediglich hinbekommen, dass zu wissen und im Hinterkopf zu behalten?

Peter

Volker Rossow
05.10.2008, 20:42
Hallo Peter
Super dass dieses Thema ernst genommen wird.

Das wir alle ein bisschen anders Ticken ist nichts besonderes. Auch das wir alle einen eigenen Rhythmus haben kann ich mir vorstellen, ist vielen zu vermitteln. Diese beiden Punkte dürften in jeder Generation von Menschen ziemlich gleichmäßig verteilt sein. Kann mich da aber auch täuschen.

Das um was es mir geht, dass Menschen zusammen treffen, die vielleicht gleich alt aussehen, aber jeder lebt in einer anderen Zeit. Der eine bemüht sich die "Moderne Zeit" zu verkörpern und der andere lebt als wäre er 30 Jahre gar nicht da gewesen. Beide versuchen alle Möglichkeiten zu nutzen, die es für jeden gibt.
Da kann es schon passieren, dass sich die beiden nicht immer unbedingt einig sind. Solange sie nicht in eine Stress-Situation kommen, fällt dies auch kaum auf. Bei Krankheit, Unfall oder ähnlichem kann das schon ganz anders aussehen.

Dies ist der Knackpunkt bei Menschen aus anderen Kulturen in unserer Gegenwart. Sie sehen so jung aus wie wir, leben aber in einer andern Zeit neben uns. Wichtig dabei, dass Menschen die in einer anderen Zeit leben, suchen sich das nicht aus, sie können einfach nicht anders. Zudem ist das was sie für sich erleben, ganz normal, eher sind die andern für sie unnormal

Ich hoffe es war nicht zu viel

Peter Münch
06.10.2008, 08:11
Das um was es mir geht, dass Menschen zusammen treffen, die vielleicht gleich alt aussehen, aber jeder lebt in einer anderen Zeit. Der eine bemüht sich die "Moderne Zeit" zu verkörpern und der andere lebt als wäre er 30 Jahre gar nicht da gewesen. Beide versuchen alle Möglichkeiten zu nutzen, die es für jeden gibt.

Ich versuche es noch klarer zu bekommen für mich selbst, glaube aber, dass ich in etwa verstehe was Du meinst. Ich hoffe es wird jetzt nicht zu abgehoben: Der Biochemiker Friedrich Cramer beschreibt in seinem Buch "Der Zeitbaum" den Umstand, dass die Natur aus einer Unzahl verschiedenster Eigenzeiten besteht. Warum z.B. wird jetzt im Herbst das eine Blatt am gleichen Baum gelb, während andere noch grün sind und wieder andere schon abgefallen und braun auf dem Boden liegen und modern? Diese Eigenzeiten der Lebensformen sind durch Resonanzen miteinander vernetzt. D.h. alles ist mit allen anderen Systemen in einer Art Resonanzkommunikation. Einfach ausgedrückt: Wir reagieren auf die Andersheit des Anderen ohne uns deshalb bewusst Rechenschaft abzulegen, das ist ein Reflex, das ereignet sich einfach. Von den Elementarteilchen bis zum Menschen ist alles miteinander vernetzt und reagiert aufeinander. In der Natur gibt es keine isolierten Teile und sofern es sie gibt, könnten wir sie nicht wahrnehmen, denn sie sind ja isoliert.

Diese Vielfalt der Verschiedenheiten die miteinander vernetzt sind und resonanzartig aufeinander reagieren ist für das Leben, so wie wir es kennen, unerlässlich. Leben braucht Vielfalt und Verschiedenheit. Gleichzeitig gibt es aber Tendenzen in der westlichen Welt diese Vielfalt auszublenden, zu vereinfachen, zu standardisieren um sie auf diesem Wege kontrollierbar und handhabbar zu bekommen. Ich persönlich empfinde diesen Umgang mit der Zeit und mit den Wirklichkeiten höchst problematisch, denn wir halten da eine tickende Zeitbombe in Händen ohne zu ahnen was wir veranstalten. Auf den Alltag runtergebrochen heißt das: Wir haben zwar mit einer immer größer werdenden kulturellen Vielfalt im eigenen Land und in den jeweiligen Arbeitsgebieten zu tun, aber diese Vielfalt wird gleichzeitig in immer rigidere Standards gepresst die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Fremden gar nicht zulässt.

Wir haben es mit einem unseligen Spannungsfeld zu tun, dass wir einerseits auf Fremdheiten reagieren müssen und zum Teil auch möchten, gleichzeitig wird dieses Fremde, dieses Andere einfach ausgelöscht indem es in unsere Standards gepresst wird und was da nicht reinpasst das gibt es einfach nicht.

Ich erlebe das in der eigenen Familie, dass eine 81jährige Frau, die nie ferngesehen hat oder sich um das Leben in der Welt gekümmert hat, in einer Zeit lebt, die mindestens dreißig Jahre zurück ist, wenn nicht mehr. Es macht mir, außer unter Druck und in Krisen, wie Du sagst, kein Problem damit umzugehen. Das Problem taucht da auf, wo die 81jährige sich den standardisierenden Systemen eines Krankenhauses aussetzen muss. Nach einem Oberschenkelhalsbruch und beginnender Demenz ist sie im Krankenhaus und wird dort wirklich gut versorgt, aber die Systeme sind nicht darauf ausgerichtet ihre Wirklichkeit, ihre Eigenzeit ernst zu nehmen. Inwieweit das einzelne Personen versuchen weiß ich nicht, aber im System ist das nicht vorgesehen, es wird eher als Störfaktor gewertet.

Ich hoffe ich habe jetzt nicht zu weit ausgehohlt und einigermaßen verständlich sagen können was ich meine. Finde das Thema sehr spannend, taste mich aber erst noch ran, wenn mein Beitrag etwas holprig ist, dann weil ich es versuche einzukreisen und klarer zu bekommen...

Peter

Volker Rossow
06.10.2008, 19:26
Das Problem taucht da auf, wo die 81jährige sich den standardisierenden Systemen eines Krankenhauses aussetzen muss. Nach einem Oberschenkelhalsbruch und beginnender Demenz ist sie im Krankenhaus und wird dort wirklich gut versorgt, aber die Systeme sind nicht darauf ausgerichtet ihre Wirklichkeit, ihre Eigenzeit ernst zu nehmen. Inwieweit das einzelne Personen versuchen weiß ich nicht, aber im System ist das nicht vorgesehen, es wird eher als Störfaktor gewertet.


Peter ich finde Dein Beispiel super!

Für mich sind die Auswirkung und die Möglichkeiten die wir in den Kliniken haben - klar.
Doch dies wäre dann schon eine Angelegenheit für das große transkulturelle 1x1 - also etwas für Fortgeschrittene
Übrigens, für das große transkulturelle 1x1 braucht man mehr Wissen, mehr Kommunikation und mehr Zeit (Minuten und Stunden). Aber genau daran mangelt es in Krankenhäusern und Heimen aller Art.

Das kleine transkulturelle 1x1 sind einfache Weisheiten die oft im Ansatz immer noch nicht erkannt werden. Und so kann man sich leicht vorstellen, dass es noch viele Jahre dauert, bis man damit beginnt, professionelle Lösungen zu erarbeiten und dann auch noch durchführt.

Wichtig wäre es, überhaupt zu begreifen, dass wir z.B. im Krankenhaus oder in anderen Einrichtungen in denen Menschen betreut werden - Menschen in verschiedenen Zeiten nebeneinander und miteinander in Stress-Situationen zurechtkommen müssen. Sicher ein großes Problem in Krankenhäusern und Heimen aller Art.


Für mich wäre es schon ein riesiger Fortschritt, wenn die kleine Weisheit (das Menschen in verschiedenen Zeiten leben ) zur Allgemeinbildung dazu gehören könnte

Peter Münch
07.10.2008, 08:23
Für mich sind die Auswirkung und die Möglichkeiten die wir in den Kliniken haben - klar. Doch dies wäre dann schon eine Angelegenheit für das große transkulturelle 1x1 - also etwas für Fortgeschrittene

Hallo Volker

Danke für die Beförderung ins "Große 1x1"... Ich glaube ich habe verstanden was Dein Anliegen ist, glaube aber, dass dieses Anliegen, so wichtig und so dringend es auch ist, regelrecht untergraben oder torpediert wird von den Systemen in denen wir arbeiten oder leben. Andererseits bin ich auch der Überzeugung, dass wir uns an dem Ast sägen auf dem wir sitzen, wenn wir es nicht ernst nehmen.

Tatsächlich ist es schwer und es erfordert eine gewisse Portion persönliche Entscheidung sich einmal auf einen solchen Gedanken und auf einen solchen Weg einzulassen. Das "kleine 1x1", so wie ich es verstehe, sind kleine Schritte in diese Richtung, die uns niemand abnehmen kann. Das ist für mich persönlich eine permanente Herausforderung die andere Wirklichkeit, die andere Zeit der Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe, ernst zu nehmen und sie als solche überhaupt in mein Bewusstsein dringen zu lassen. Gleichzeitig, neben dem Umstand, dass es das eigene Wahrnehmen bereichert, erhöht es auch die Spannungen. Denn indem man diese Wahrnehmung bei sich selbst zulässt, wird man auch der Grenzen und der Enge der Systeme gewahr und das ist dann nicht unbedingt leicht und schön ist es erst recht nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass es ganz wichtig ist, auch wenn es mit Unannehmlichkeiten verbunden sein sollte...

Peter

Peter Münch
08.10.2008, 06:39
Hallo Volker

Ich muss noch mal was nachlegen, nachdem ich gestern auf dem Heimweg noch mal darüber nachgedacht habe (beim Radfahren kann ich am besten nachdenken): Ich habe im Grunde unterteilt in zwei verschiedene Ebenen: 1. Die Systemebene, auf der wir alle agieren müssen unabhängig von persönlichen Dispositionen und 2. die Ebene der Person, auf der es daran liegt ob man sich als Person auf einen solchen Gedanken, auf einen solchen Weg einlässt. Vorrausgesetzt Du gehst von einer ähnlichen Struktur aus, dann geht es Dir, so wie ich das verstanden habe, im Moment um die persönliche Ebene. Also die Frage ob man sich als Person überhaupt auf eine solche Sache, auf den Gedanken, auf den Weg, auf das Fremde einlässt oder ob man es eher gar nicht erst wahrnimmt.

Meine Strukturierung, die ich damit für mich selbst vorgenommen habe, muss aber gar nicht das sein was Du meinst. Es kann ja sein, dass ich das halt für mich so strukturiere, aber dass für Dich etwas ganz anderes mitschwingt. Daher meine Frage ob ich das was Du meinst getroffen habe oder ob es haarscharf vorbei war?

Herzliche Grüße

Peter

Volker Rossow
07.11.2008, 13:31
Hallo Peter

Nach meinem Vortrag bei den Bayerischen Anästhesietagen im Rahmen transkultureller Pflege mit dem Thema „Europäische Kliniken im Vergleich“ und ein paar angenehme Tage in Paris möchte ich endlich wieder hier ein paar Gedanken loslassen.

In meinem Vortrag ging es genau darum, das wir alle aus verschiedenen Vergangenheiten kommen.
Peter, ich nehme gerne Deine Teilung von System und Person auf.
Patienten, Personal, Wissen, Technik, Gebäude, Räume und Systeme kommen aus verschiedenen Vergangenheiten und treffen sich am, um und im Patienten als Gegenwart.
Es ist nicht nur eine Herausforderung, das wir Menschen und unsere persönliche individuelle Vergangenheit da sind, sondern das wir auch in der deutschen Krankenpflege in der Vergangenheit pflege wenn wir unsere Arbeitsplatzbedingungen mit Paris und London vergleichen. Ich möchte hier die Anästhesie im besonderen ansprechen



In Paris ist die Raumgestaltung und die Technik da interessant, wo der Patient wieder wach wird oder wach ist. D.h. man bemüht sich um Patienten und Personal, was für die transkulturelle Pflege eine Grund-Voraussetzung ist.




In London nimmt man sich wirklich mehr Zeit für jeden Patienten der in Behandlung ist, dagegen die die noch nicht in Behandlung sind, müssen dafür länger auf eine Behandlung warten. D.h. man bemüht sich um Patienten und Personal, was für die transkulturelle Pflege eine Grund-Voraussetzung ist.




Uns fehlt es in Deutschland oft an beidem, aber auch in Paris und in London hat nicht jeder alles auf einmal. Wir nehmen für uns in Deutschland andere Dinge als Positiv. Alle werden schnell und günstig behandelt (etwas überspitzt) auf Kosten des Personals, solange bis wir selbst (Personal) als Patienten wieder Vorteile im System haben.


Die individuelle Vergangenheit der Personen als auch der Dinge (z.B Systeme) sind ein wichtiger Teil der „Kultur“. D.h. Der Begriff „Kultur“ ist extrem komplex und stellt somit den Hauptbegriff dar. Mit der Vergangenheit lässt sich der Begriff „Kultur“ etwas leichter anfassen. Vielleicht kann man aber für individuelle Vergangenheit – Entwicklungsstand oder Entwicklungserfahrungen– sagen. Wichtig für mich, dass wir transkulturelle Pflege nicht nur mit Religion und der Herkunft des Patienten in Verbindung bringen, denn dies wäre nur der kleinste Teil der Kultur.

Peter Münch
07.11.2008, 15:49
Patienten, Personal, Wissen, Technik, Gebäude, Räume und Systeme kommen aus verschiedenen Vergangenheiten und treffen sich am, um und im Patienten als Gegenwart.

Hallo Volker

Danke für Deine Antwort, die, wie immer anregend und spannend ist. Du hast recht wenn Du sagst, dass nicht nur Personen eine Vergangenheit haben, sondern auch Kulturen, Technologien, Räume usw. haben Geschichte und haben ihre jeweils gültige Eigenzeit. Das macht die Sache spannend und komplex und wäre eigentlich ein ganzes Lernfach wert, sofern man sich dass denn leisten mag. Leider erlebe ich es immer wieder, dass diese Art Wissen als Luxus verstanden wird, den man im Zweifelsfall außen vor lassen kann. Denn unmittelbar wichtig ist das, was nachvollziehbare, technische und quantifizierbare Hilfe darstellt.

In der Philosophie und in der Psychologie C.G. Jungs findet man Ansätze von Ideen bezüglich eines kulturellen Gedächtnisses und einer kulturellen Vergangenheit. Jung sprach in diesem Kontext vom "Kollektiven Unbewussten" das in sich sehr komplex ist. Der Schweizer Kulturphilosoph Jean Gebser sprach von der Notwendigkeit der Transparenz oder der Durchsichtigwerdung des Vergangenen für die Gegenwart. Gebser ging davon aus, dass wir dringend die vergangenen kulturellen Bewusstseinsformen in die Gegenwart aufnehmen müssen, sozusagen als Integral, damit wir zu einer ganzheitlichen Sicht der Zeit kommen. D.h. er sagte, dass Menschen und Kulturen immer aus ihrem Woher mitbestehen. Kulturen haben ein eigenes Gedächtnis, ein eigenes Gewordensein. Und so wie man sich als Person mit dem eigenen Woher auseinander setzen muss um ganz zu werden, so müssen das auch Kulturen. Gebser meinte allerdings, dass die westliche Moderne sich da sehr schwer tue. Sie verkapsele sich leicht in ihrer je eigenen Wirklichkeit, setzt diese absolut und misst alles andere an dem was gerade Sache ist. Sache ist aber in der westlichen Kultur die Rationalität. Alles was dem Anspruch des Rationalen nicht genügt und nicht entspricht, wird diskreditiert und als minderwertige Wirklichkeit abgetan.

Das führt unter anderem dazu, dass wir die nicht messbaren, nicht zählbaren Zeitgefüge nicht ernst nehmen. Eben auch nicht die Vergangenheit und die Zeit der Räume, der Technik und der Kulturen. Das wiederum führt zu der, gelinde gesagt, seltsamen Situation, dass wir zwar wissen dass das alles vorhanden ist, dass es wichtig wäre und das es gut wäre dem mehr Beachtung zu schenken, aber zugleich tun wir so als wäre nichts auf der Welt unwichtiger weil man diese Größen weder messen, noch zählen, noch in Form von Bezahlbarkeiten berechnen kann.

Trotzdem, spätestens über die Ansätze der Transkulturellen Pflege kommen wir immer wieder auf solche Zusammenhänge, stehen ihnen aber weitgehend ratlos gegenüber. Denn so sehr wir das auch einsehen mögen als Person, es ist nicht in die hiesigen Systeme übertragbar. Die Ansätze des Transkulturellen wirken, gerade weil sie im Grunde simpel sind, sperrig und unpassend....

Ich finde das Thema außerordentlich spannend und freue mich über jede Antwort...

Peter

Volker Rossow
15.02.2009, 17:43
In der deutschen Sprache werden die Worte "Macht" und "Kraft" immer wieder verwechselt.

Oft ist zu hören, der Politiker XY braucht mehr Macht. Vorgesetzte haben zu wenig Macht usw.

Wenn man sich das Wort "Macht" etwas genauer ansieht, kommt man zu dem Schluss:
Macht = Die Angst, vor einer anderen Wirklichkeit
Kraft = Die eigene und andere Wirklichkeiten annehmen

So kann man sich leicht vorstellen, das echte "Macht-Menschen" mehr mit Ihrer Angst beschäftigt sind, als etwas für andere tun können.

In einer Zeit, in der extrem viele Wirklichkeiten auf engstem Raum existieren und immer schneller wieder ersetzt werden, kommt dem Begriff "Kraft" ein wichtiger Platz in unserem Beruf und in unserer Gesellschaft zu.

So wünsche ich mir ich mir wesentlich mehr Vorgesetzte mit Kraft als mit Macht - damit Patienten und Pflegepersonal ein faires Miteinander möglich gemacht wird.

Zudem brauchen wir sehr viel Kraft, um unsere Patienten ein bisschen besser zu verstehen, auch wenn sie die deutsche Sprache sprechen.

Peter Münch
15.02.2009, 18:50
Hallo Volker

Diese Unterscheidung von Macht und Kraft ist genial, denn sie trifft es gut. Dazu möchte ich folgendes sagen:

1. Fast alle mir bekannten alten Religionen und Kulturen kennen diese Unterscheidung in der einen oder anderen Form. Im Tao te King, der dem Weisen LaoTse zugeschrieben wird, geht es fast ausschließlich um eben diese Unterscheidung. Der Weise, so heißt es dort, versucht nichts zu bewirken, sondern er lässt geschehen, daher bewirkt er alles. Nicht leicht zu schlucken für eine Kultur, die sich in Aktionismus und Machtakrobatik gefällt.

2. Genau diese Kraft, andere Wirklichkeit anzuschauen und sie angeschaut stehen zu lassen, sie zu respektieren, sie zur Kenntnis zu nehmen und die darvon ausgehende Fremdheit, die ja auch bedrohlich sein kann, als solche zu erkennen und sich zu entscheiden, sie trotzdem auszuhalten, sich ihr zu stellen, wird in unserer Kultur systematisch torpediert. Wer so handelt gilt als Idealist, als Traumtänzer, als Wirklichkeitsverkenner usw. Leider haben eben nicht die Menschen der Kraft das sagen, sondern die Machtmenschen, die mit ihrer Angstbotschaft gleichzeitig viele Menschen regelrecht infizieren. Aber ich kann Dir nur Recht geben, dahinter steckt viel Angst. Und leider sind es eher die Menschen, die mit ihrer Angst nicht zurechtkommen, die sich ihre Angst nicht eingestehen, die in Führungspositionen sitzen. Dort haben sie die Möglichkeit, ihre Angst durch Machtgebaren wegzuschieben und die Menschen, die sich dieser Angst stellen, als schwache Menschen darzustellen....

Aber das ändert nichts daran, dass die Kraft dringend und notwendig gebraucht wird, aber man findet sie nicht in den Schaltzentralen der Wichtigkeiten, sondern eher am Rande, im Unscheinbaren.... Aber das passt zu den helfenden Berufen, denn kaum jemand ist so unscheinbar wie die helfenden Berufe...