Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Naomi Feil - Validation
marmotte
11.02.2008, 18:33
Hallo
heute war ich in einem Workshop mit Naomi Feil - es ging um den Umgang mit desorientierten, alten Menschen.
Sie hat in groben Zügen ihre Thesen der Validation demonstriert.
Insgesamt fand ich das Seminar interessant, aber es gab doch einiges, was mich nachdenklich gemacht und was ich durchaus kritisch gesehen habe.
Später mehr dazu, hier erst mal zwei Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Naomi_Feil
http://de.wikipedia.org/wiki/Validation_%28Medizin%29
liebe Grüße
marmotte
Hallo marmotte,
finde dies sehr interessant. Würde mich nun doch auch interessieren, was Du dort kritisch gesehen hast.
Liebe Grüße Brady
marmotte
12.02.2008, 15:53
hi Brady
es gab insgesamt zwei Punkte, die ich kritisch sehe.
1) Validation als All"pflege"mittel bei Demenz
Ich sehe es als EIN wertvolles Mittel, mit dementen Patienten umzugehen, nicht als das Nonplusultra. Naomi Feil betont zwar, Validation heilt nicht, sondern lindert nur, doch genau da liegt das Problem: es lindert nicht immer und alles und bei jedem Menschen. Die Individualität geht verloren, obwohl sie doch genau diese betonen möchte. Meiner Meinung nach ist es maßlos überzogen zu behaupten: nur wenn ich validiere, kann der Mensch in Würde dement sein und sterben. Genau dies hat sie aber im Workshop gesagt.
2) Validation als Prophylaxe für Demenz
"Die Validation nach Feil geht davon aus, dass diese Menschen danach streben, die unerledigten Aufgaben ihres Lebens noch aufzuarbeiten."
Im Workshop hat sie immer wieder unterstrichen, daß demente Menschen in Frieden und Würde sterben wollen, und durch (mit) ihrer Demenz dieses (die unerledigten Aufgaben) nachholen.. Diese Logik leuchtet mir nicht ein. Demente Menschen wären also per se unehrlich (Lügner) und feige (Feils Worte), denn sie haben es versäumt, in ihrem bisherigen Leben wahrhaft und authentisch zu leben. Schuldgefühle, Verdrängungen, Verpasstes - all das führt nach ihrer Darstellung dazu, daß eine Demenz gefördert wird.
Ich habe bei ihr persönlich nachgefragt, ob ich das richtig verstanden hätte: wenn jemand sein Leben lang seine Emotionen und Träume zeigt und auch auslebt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, daß dieser Mensch dement wird? Also quasi Prophylaxe für Demenz. Naomi Feil hat dies bejaht und nochmal unterstrichen, daß sie es war, die diesen Zusammenhang herausgefunden hat.
Ich persönlich finde, daß Validation kein Allheilmittel ist, und daß die These von Validation als Prophylaxe für Demenz bzw. Demenz als Konsequenz für "falsches Leben" mehr als gewagt ist.
Für die Entstehung einer Demenz spielen weitaus individuellere und weitgreifendere Faktoren eine Rolle als die Reduktion auf psychologische Erklärungsversuche.
Liebe Grüße
marmotte
Hallo marmotte,
vielen Dank für deine Erfahrungen in der Fortbildung. Sie haben auch mich zum Nachdenken angeregt. Finde das diese Betrachtungsweise, die Du dort gewonnen hast, bedenklich ist. Wie aber auch alles im Leben, es gibt Dinge die kann man nur individuell betrachten.
Alles hat 2 Seiten im Leben. Verschreibt man einem Menschen eine Massage, oder besser die Krankengymnastik?
Massage ist eine passive Zuwendung, die dem Menschen in dem Moment gut tut. Vielleicht braucht er zu dieser Zeit auch diese "Streicheleinheit" und es ist der erste Versuch über diese Art von Zuwendung einen anderen Kontakt, bzw. eine Beziehungsarbeit herzustellen.
Oder er bekommt den Auftrag Sport zu betreiben, um selber aktiv an seinem Problem zu arbeiten. Es ist immer zu hinterfragen, ist dieses oder jenes für den Patienten das "Richtige" ist. Genauso denke ich wird es mit Validation sein.
Aber bei dementen Patienten, die sich selber zu dem Thema was sie brauchen oder auch nicht, äußern können, halte ich es für bedenklich eine "Zwangsbeglückung" für alle Dementen einzuführen.
Vielleicht aber auch in der knappen Personalsituation diesen Menschen überhaupt Zuwendung zukommen zu lassen? Denn Zuwendung und Aufmerksamkeit ist meiner Meinung noch immer das Mindeste was ein Mensch braucht.
Liebe Grüße Brady
marmotte
12.02.2008, 19:30
Vielleicht aber auch in der knappen Personalsituation diesen Menschen überhaupt Zuwendung zukommen zu lassen? Denn Zuwendung und Aufmerksamkeit ist meiner Meinung noch immer das Mindeste was ein Mensch braucht.
Hi Brady
was Du schreibst, unterstreiche ich voll und ganz!
Ich wehre mich nur dagegen, daß Validation das einzige "wahre" Mittel dafür sein soll. Das erinnert mich zu sehr an eine Heilslehre.... Zuwendung und Aufmerksamkeit hat viele Gesichter, nicht nur eines.
Viel bedenklicher finde ich wie gesagt aber die Aussage, daß das frühere Leben sozusagen aufgearbeitet werden muss, mit bzw. durch die Demenz. Solch waghalsige psychologische Theorien finde ich kaum haltbar.
Zudem hat es mich befremdet, daß Naomi Feil auch bedenkenlos aus NLP (Neurolinguistisches Programmieren) zitiert, auch in ihren Büchern. NLP ist sehr umstritten.
"Fortschritte und Erkenntnisse der modernen psychologischen Grundlagenforschung und insbesondere der Neuropsychologie blieben bei der NLP historisch bedingt weitgehend unberücksichtigt. Die zugrundeliegenden Modelle und Konzepte sind allesamt qualitativ geisteswissenschaftlicher Natur und werden der hochkomplexen Realität nur teilweise gerecht. Die NLP kann derzeit nicht auf gesicherte naturwissenschaftliche Grundlagen zurückgreifen, da weite Teile der Neurowissenschaften bisher nur unzureichend erforscht sind. Einige Kritiker aus dem Bereich der Psychologie sehen in NLP eine klassische Pseudowissenschaft (http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudowissenschaft), da zwar Elemente etablierter Theorien übernommen werden, die Lehre selbst jedoch auf scharfe Tests der Behauptungen verzichte [18] (http://de.wikipedia.org/wiki/Neurolinguistische_Programmierung#_note-16). NLP erwecke so den Anschein der Wissenschaftlichkeit, ohne ihn einzulösen. NLP-Kritiker weisen ferner darauf hin, dass NLP im akademischen Betrieb praktisch keine Rolle spielt. Dadurch werde deutlich, dass es sich bei NLP im universitären Sinne nicht um eine ernstzunehmende psychologische/psychotherapeutische Schule handelt und NLP auch nicht der Kontrolle durch andere Wissenschaftler unterliegt."
Hier weiterlesen http://de.wikipedia.org/wiki/Neurolinguistische_Programmierung
liebe Grüße
marmotte
UlrichFürst
16.03.2008, 08:43
Warum geht Deiner Meinung nach die Individualität verloren? Inhaltlich bzw. in der Art und Weise wie und wo ich den dementen Menschen validiere muss ich doch immer dessen Persönlichkeit berücksichtigen. Sonst funktioniert das doch gar nicht, oder?
Zum zweiten Punkt:
Weißt Du, ob das eine statistische Untersuchung war? Weil, jeder hat wohl irgendetwas nicht aufgearbeitet. Also ist bei Dementen die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige etwas nicht verarbeitetes mit sich herumträgt bei 100 %:D
Ulrich
marmotte
17.03.2008, 09:54
Warum geht Deiner Meinung nach die Individualität verloren? Inhaltlich bzw. in der Art und Weise wie und wo ich den dementen Menschen validiere muss ich doch immer dessen Persönlichkeit berücksichtigen. Sonst funktioniert das doch gar nicht, oder?
Hallo Ulrich
das stimmt - Validation berücksichtigt die individuelle Person, es werden ja die Vorlieben und die Ressourcen der jeweiligen Person gefördert.
Ich meinte etwas anderes: Brady schrieb von "Zwangsbeglückung".
Die Individualität geht dann verloren, wenn ich per se einen an Demenz Erkrankten als Lebens-Lügner und emotionsverhärteten Menschen sehe, wenn ich also so verallgemeinere, daß die These (der theoretische Gerüstbau der Validation) stimmen muss.
Da wird die Individualität eines Menschen geleugnet, die Demenz auf einige wenige Ursachen reduziert.
Liebe Grüße
marmotte
UlrichFürst
17.03.2008, 17:37
Ah jetzt ja!
DAS sehe ich auch so.
Ulrich
Ich persönlich finde, daß Validation kein Allheilmittel ist, und daß die These von Validation als Prophylaxe für Demenz bzw. Demenz als Konsequenz für "falsches Leben" mehr als gewagt ist.
vielleicht ist das der falsche Ansatz ,vielleicht kann ich es auch andersherum sehen - kann es nicht auch sein dass die Demenz es eingen Menschen erst möglich macht -erlebtes und vor allem gefühltes insbesondere traumatisches , aufzuarbeiten.
Das nämlich durch die Abbauprozesse die mit der Demenz einhergehen , die Verdrängung nicht mehr klappt.
Nur so eine laienhafte Überlegung von mir .
Flocky
marmotte
18.03.2008, 10:29
Hi Flocky
natürlich kann es so sein!
Ich kann mich nur nicht mit der These von Naomi Feil anfreunden, daß es so sein MUSS.
liebe Grüße
marmotte
Cassiopaia
29.03.2008, 13:40
Hallo!
Ich war im Februar auch in Naomi Feils Workshop. Vielleicht hab ich ja nicht richtig aufgepasst, aber ich bilde mir ein gehört zu haben, daß sie gesagt hat, daß Validation nicht bei allen Patienten funktioniert, sondern nur bei einem Großteil....und nur bei Alzheimer Demenz! Ich fand den Workshop sehr interessant, ebenso die alte Lady:D. Aber ich stimme auch marmotte zu, daß Validation sicher nicht das Allheilmittel ist. Manchmal gehts, manchmal nicht, beim einen mehr, beim anderen weniger. Aber ist das nicht mit fast allen Pflegekonzepten so? Es ist einer von vielen Wegen, den zu gehen aber eigentlich nicht schaden kann....
Liebe Grüße,
Cassiopaia
Cassiopaia
14.04.2008, 20:24
Hallo!
Ich möchte an diesem Thema gerne nochmal anknüpfen. Wie ich ja bereits geschrieben habe, war ich im Februar bei diesem Validations-Workshop. Bereits davor hatte ich ein Buch darüber gelesen. Jetzt habe ich das Ganze sich etwas setzen lassen, mich in Gedanken immer wieder damit beschäftigt und schließlich versucht, die Validation (ansatzweise) in die Praxis umzusetzen. Dabei hatte ich durchaus Erfolge, die ich vorher nie so erzielt hatte.
Beispiel:
Eine ältere Dame kam zu uns auf Station.
Einweisungsdiagnose:
Aggressivität bei Delir bei Alzheimer Demenz
Sie lebte bis dato noch zuhause mit Ehemann und Tochter. Dort zunehmend unruhig, vergesslich und eben zuletzt körperlich aggressiv gegenüber dem Ehemann und verbal aggressiv gegen die Tochter gewesen.
Bei uns war sie zunächst sehr unruhig, wirkte ängstlich, sprach kaum einen Satz bis zum Ende. Zudem hatte sie hatte massive Wortfindungsstörungen.
Ich habe mich über mehrere Schichten zu ihr hingesetzt und versucht so mit ihr zu sprechen, wie Naomi Feil es in ihrem Workshop gezeigt bzw. erklärt hat. Und siehe da, die Patientin konnte nach einigen Tagen mit mir in ganzen Sätzen sprechen, wurde währendessen deutlich ruhiger und erkennt mich immer wieder, wenn ich (auch nach ein paar Tagen frei) zu ihr komme, obwohl sie als komplett desorientiert bei uns läuft...
Jetzt meine Frage(n):
Was haltet ihr davon?
Ist das nur Zufall?
Liegt es an der (mit Sicherheit nicht perfekten) Validation?
Oder daran, daß ich viel Zeit mit ihr verbracht habe?
Ich bin unsicher. Ich würde gerne daran glauben, daß das wirklich funktioniert, aber ein wenig Zweifel bleiben einfach....
Wer mehr über Naomi Feil wissen möchte:
Naomi Feil – Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Naomi_Feil)
(ich hoffe, ich hab das mit dem Link diesmal hingekriegt! Wenn ja: Premiere!)
Hallo Cassiopaia,
ich glaube, dass kann Dir keiner mit Sicherheit sagen. Aber wovon ich fest überzeugt bin, ist ...dass Zuwendung, Aufmerksamkeit und Beständigkeit in der Beziehung jedem Menschen gut tut und dass er davon profitiert. Egal bei welcher Erkrankung, Situation, usw.....
Es gibt Studien, dass onkologische Patienten, die in einer harmonischen und gutintegrierten Familie bessere Heilungschancen haben, als andere die in keinem guten sozialen Umfeld leben.
Kinder gedeihen besser wenn sie Ansprache und Zuneigung erfahren.
Wir verschreiben z.B. unserem Patienten auch schonmal Massagen...nur um ein Körpergefühl zu wecken oder auch um einen Zugang zu ermöglichen, damit es zu einer Basis für die Beziehungsarbeit kommt.
Aber vielleicht haben Kollegen hier noch andere Erfahrungen gemacht. Warten wir mal ab.
Liebe Grüße Brady
Atoronja
30.10.2008, 04:08
Hi Flocky
natürlich kann es so sein!
Ich kann mich nur nicht mit der These von Naomi Feil anfreunden, daß es so sein MUSS.
liebe Grüße
marmotte
Uns wurde bei unserer Fortbildung erklärt ,validieren sollten nur die ,die sich von ihren eigenen Gefühlen frei machen können.
Da man ja dem Demenzkranken in seine innere (Gefühls) Welt folgen soll.
Ich persönlich finde es schon eine gute Sache.
Cassiopaia
30.10.2008, 21:22
Hallo Atoronja,
ich würde sagen "von den eigenen Gefühlen frei machen" ist ein bißchen hoch gegriffen, wer schafft denn das schon?
Naomi Feil erklärte es selbst als "sich voll und ganz auf den Patienten konzentrieren und versuchen ihm in seine Welt zu folgen".
Ist auch nicht einfach, aber ich zumindest kann meine Gefühle nicht abschalten. Mich auf den Pat. einlassen aber schon.
Man sollte nichts interpretieren. Sondern annehmen wie es ist.
Klappt wirklich gut.
Liebe Grüße,
Cassiopaia
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