Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Diagnosen-Allein der Arzt
Peter Münch
11.02.2008, 07:58
Hallo Kolleginnen und Kollegen
Ich arbeite als Sozialpädagoge in der Wohnungslosenhilfe im Bereich §53 SGB XII, habe also mit Menschen zu tun, bei denen eine psychische Behinderung diagnostiziert worden ist. Mitunter leide ich an dem System, dass es Ärzten nach einer relativ kurzen Phase des Gesprächs mit einem Klienten erlaubt eine Diagnose zu stellen, die wir von der Praxis und des alltäglichen Umgangs mit dem Betroffenen nicht mit vollziehen können. Bei den Kostenträgern gilt aber allein die Diagnose des Arztes und nicht die tagtägliche Beobachtung unsererseits.
Hat damit jemand ähnliche Erfahrungen?
Peter Münch
Hallo Peter Münch,
das Thema "Diagnosen" ist denke ich in vielen Bereichen problematisch. Das liegt zum Teil auch daran, dass sich manche Diagnosen erst im Verlauf ergeben und eine Anpassung oder Änderung der Diagnose nötig wird.
Um die richtige Diagnose stellen zu können ist denke ich eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten (Betroffener, Betreuer, ggf. Angehörige, Arzt) notwendig. Der Arzt ist angewiesen auf eine möglichst umfassende Beschreibung der Symptomatik.
Und wenn Du im täglichen Umgang einen völlig anderen Eindruck vom Betroffenen hast, auf den der zuständige Arzt nicht eingeht, wäre es vielleicht sinnvoll eine weitere Meinung einzuholen (Arztwechsel?)
LG Duria
Peter Münch
11.02.2008, 08:38
Hallo Duria
Vielen Dank für die schnelle Antwort. Ich glaube mein Problem ist weniger die konkrete Diagnose des Arztes, sondern das System der Hilfe, dass es der einen Berufsgruppe ermöglicht alles Erdenkliche zu äußern ohne Information haben zu müssen oder zu können, während andere Berufsgruppen weiter keine Rolle spielen. Das man das untereinander, also mit dem Arzt bereden muss ist schon klar. Zum Glück haben wir einen Arzt der zugänglich und gesprächsbereit ist, aber ich stoße mich an dem System, weil ich als Sozialpädagoge immer auch vermitteln muss zwischen dem Kostenträger und dem Hilfesuchenden. Und der Kostenträger will allein den Arzt hören. Nicht das man das nicht irgendwie regeln müsste, aber ich möchte nur einmal die Frage stellen ob das aus der Praxis heraus wirklich Sinn macht.
Herzliche Grüße
Peter Münch
Hallo nochmal,
dann habe ich Dich falsch verstanden. In der stationären Behandlung ist das System ein wenig anders. Hier kommt es sehr wohl auch auf die Darstellung der anderen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen an. Beispielsweise, wenn es um die Frage der Pflegestufe für eine Heimbehandlung oder ambulanten Weiterversorgung geht, was durch den MDK geprüft wird.
Der Nachteil dabei ist, dass man wirklich peinlich genau dokumentieren muss, damit der jeweilige pflegerische Aufwand auch deutlich wird. Das ist innerhalb eines oft sehr turbulenten stationären Alltags nicht immer so einfach.
Leider ist es so - und das wird sich auch zukünftig nicht entspannen - dass gespart wird, wo es nur möglich ist. Leider meist auf dem Rücken der Betroffenen.
Hoffe, dass hier vielleicht noch weitere Rückmeldungen aus dem extramuralen Bereich kommen ....
LG Duria
Volker Rossow
11.02.2008, 20:46
Hallo Peter
Ich finde es toll das Du Dich als Sozialpädagoge im Bereich von Wohnungslosen in unser Forum verlaufen hast.
So lernen wir auch Dinge kennen, von denen wir in unseren Einrichtungen kaum etwas mitbekommen.
Die Bürokratie macht mir auch in vielen Dingen meiner Arbeit große Sorgen. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, es verdienen sich irgendwelche Leute auf unsere Kosten ihre Arbeitsplätze.
Ich würde mich freuen, wenn Du uns weitere Gedankenanstöße in diese Forum bringen könntest.
Peter Münch
15.02.2008, 09:30
Hallo Volker
Ich habe jetzt einige Tage nicht reingeschaut und habe erst heute Deine Nachricht gesehen. Ich glaube mir persönlich hilft es, wie in der Geschichte von "Des Kaisers neue Kleider" wenigstens sagen zu können "Der Kerl ist ja nackt", wenn auch deshalb noch nichts anders wird. Aber die Überwucherung verschiedener Verwaltungs- und Managementsysteme die zunehmend die Praxis gängeln und mitunter fast zur Schildbürgerstreichen führen, erlebe ich sehr stark. Ich muss im Rahmen meiner eigenen Arbeit die Zunahme unsinniger Systeme aushalten und muss diese Systeme bedienen, weil ich meine Brötchen damit verdiene, aber ich möchte mir zumindest die Freiheit leisten, dass der Kerl nackt ist, dass also manches aus der von mir erlebten Praxis heraus völlig sinnlos wirkt und lediglich verschiedenen Gremien und Verwaltungsapparaturen hilft sich am Leben zu halten.
Meine Hoffnung dabei ist schon, dass wenn viele Menschen den Kerl als nackt bezeichnen, dass schon Auswirkungen haben könnte. Aber wenn ich das nicht für mich aussprechen kann, werde ich mit verwurstet.
Herzliche Grüße
Peter Münch
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