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Brady
10.02.2008, 10:47
Gewalt in der Pflege Demenzkranker

Unsere Gesellschaft reagiert - meist nur kurzzeitig und oft pharisäerhaft - sehr empört „Wie konnte das geschehen?“, wenn sie von Misshandlungen gegenüber pflegebedürftigen älteren Menschen erfährt. Die Medien sind voll von Berichten über Missstände in Pflegeheimen. Obwohl heute jedem bekannt sein müsste, dass diese Lebensform Demenzkranken und ihren Angehörigen oft mehr Leid als Lebensqualität bringt und viele Einrichtungen - z.B. wegen Personalmangel - kaum noch eine Minimalpflege gewährleisten können, ist das gesellschaftspolitische Interesse, diese Missstände zu verringern, noch zu gering, um effektive Verbesserungen zu bewirken. Sind die „Täter“ aber Familienangehörige, so ist die allgemeine Entrüstung noch größer. Betrachtet man die Situation, in der Gewalthandlungen in der Familie geschehen, oder spricht man mit dem vermeintlichen Täter, so öffnet sich manchmal ein Abgrund von Hilflosigkeit, Verzweiflung, totaler Überlastung, Scham, Einsamkeit und „Im-Stich-gelassen-sein“. Hinzu kommt, dass familiäre Gewalteinwirkungen oft beidseitig sind. So beschimpft z.B. eine Demenzkranke ihre pflegende Tochter oder bezichtigt sie ungerechtfertigt eines Diebstahls. Die Tochter dagegen kann sich in einer sich zuspitzenden Krisensituation nicht mehr beherrschen, ihr „rutscht die Hand aus“.

Weiterlesen hier: http://www.deutsche-alzheimer.de/index.php?id=96

Flocky
23.03.2008, 21:33
Etwas provokativ stelle ich die Frage : Wo beginnt Gewalt ?
Ich sehe das Problem der Gewalt nicht nur im häuslichen Bereich, und auch im stationären Bereich sind nicht immer nur die Pflegenden die Täter.
Ist es nicht auch eine Form von Gewaltausübung ,wenn Pflegende durch die Umstände im Krankenhaus oder auch im Altenheim gezwungen werden anders zu arbeiten als sie es eigentlich gelernt haben und auch wollen? Wer ist da Täter ?
Wie lange kann man den täglichen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit aushalten ?
Man merkt ich hatte heute einen schweren Tag - aber ich denke es geht vielen von uns, zumindest hin und wieder so, das man in den Spiegel schaut und sich fragt: "Was mache ich hier eigentlich ?"
Und trotzdem geht man jeden Tag wieder los und versucht seinen eigenen Balanceakt zwischen dem was man eigentlich möchte und dem was man leisten kann ,ohnen sich dabei zu verlieren.
heute mal wieder etwas nachdenklich
Flocky
Um nicht mißverstanden zu werden, ich mache meine Arbeit eigentlich noch immer gern , trotz all der widrigen Umstände , aber manchmal habe ich doch das Gefühl es gibt einfach zuviele Baustellen.

Marichen108
05.06.2008, 17:57
Ich habe fünf Jahre meine demenzkranke Schwiegermutter gepflegt und habe alle Höhen und Tiefen mitgemacht. Sie hat oft nach mir geschlagen, wollte mir ihren Handstock um die Ohren schlagen, hat das Pflegepersonal, was ich mir zu Hilfe geholt habe, geschlagen. Oft genug hätte ich am liebsten zurückgeschlagen, aber ich bin dann immer rausgegangen und habe mich abreagiert. Auch habe ich ich mir mal eine Auszeit genommen und sie in der Kurzzeitpflege untergebracht. In den letzten Wochen vor ihren Tod merkte ich, das ich es nicht mehr schaffe und habe dreimal am Tag die Hilfe von erfahrenen Kräften angenommen. Es ist schwer, bei agressiven Demenzkranken die Nerven zu behalten. Ich bewundere die Menschen, die täglich damit zu tun haben. Nichtbetroffene wissen nicht, was geleistet wird.
Marichen

Duria
07.06.2008, 16:25
Hallo Zusammen,

ich arbeite auf einer geschlossenen psychiatrischen Station. Zum Teil behandeln wir dort Patienten, die sich noch in der Akutphase ihrer Psychose befinden. Je nach Zustandsbild komme ich dort auch schon einmal an meine Grenzen. Zeitweise stehe auch ich einem verbalen oder tätlich aggressivem Verhalten eines Patienten hilflos bzw. ratlos gegenüber.
Als professionell Pflegende haben wir jedoch gelernt, Aggressionen nicht als persönlichen Angriff aufzufassen, sondern als Symptom der jeweiligen Erkrankung einzuordnen. Das klappt mal mehr mal weniger gut - aber es gibt in den meisten Einrichtungen Möglichkeiten, schwierige Situationen zu besprechen. Sei es innerhalb von Supervisionen, Fallbesprechungen, o.ä. oder einfach im kollegialen Austausch.

Ich ziehe den Hut vor jedem pflegenden Angehörigen, der nicht am Ende seiner Schicht einfach nach Hause gehen kann, Feierabend hat und am nächsten Tag ausgeruht seinen Dienst wieder aufnimmt.
Zu der Tatsache, dass die Angehörigen keinen geregelten Arbeitstag haben, kommt ja noch die emotionale Beteiligung. Es fällt sicher nicht so leicht Aggressionen nicht gegen sich gerichtet zu erleben. Und es fällt sicher auch nicht leicht, die fortschreitende Entfremdung eines einst nahestehenden Angehörigen zu erleben.

LG Duria

Marichen108
07.06.2008, 19:29
Es stimmt, wenn man nach Feierabendend nach Hause gehen kann, oder 24 Stunden für einen demenzkranken Menschen da sein muss, es ist ein Unterschied. Eure Arbeit ist auch sehr hart, aber wenn man rund um die Uhr da sein muß, kommt man irgendwann an den Punkt, das man nicht mehr kann. Meine Schwiegermutter war ein extrem Fall, sie hate ihr Leben lang die Menschen beherrscht (mich mochte sie nie) und mit einemal mußte sich sich anpassen. Mein Mann hat am meisten darunter gelieten, da er nicht verstehen konnte, wie sich seine Mutter veränderte. Es ist nur wichtig, das bei der Pflege nicht vergießt, warum die Menschen so werden und das sie eigentlich nichts für ihr verändertes Wesen können. Man braucht sehr viel Kraft und "Menschenliebe" dazu, um das zu schaffen. Leute, die es nie mit gemacht haben, können schlau reden und einen das Leben zur Hölle machen. Man muß dann sehr stark sein, um diesen Personen ihre Grenzen zu zeigen. Bei uns wollten sich viele einmischen, aber ich habe sie rausgeschmissen und heute bin ich froh, das ich meiner Schwiegermutter in den letzten Stunden das gegeben habe, was immer für sie wichtigt war. Sie wollte nicht ins Heim, hat mich in den letzten Momenten, wo sie noch klar wahr, liebevoll betrachtet (obwohl sie nicht mehr reden konnte), und kurz vor ihren Tod habe ich noch den Pastor geholt, wir haben zusammen gebetet, sie hat meine Hand gedrückt (obwohl sie in Koma lag), anschließend habe ich ihr gesagt, sie könne jetzt friedlich einschlafen (Tränen liefen ihr dabei runter), kurze Zeit später war sie tod. (Für mich immer wieder ein Beweis, das Komapatienten auch immer noch alles mit bekommen). Ich werde immer wieder einen schwerkranken Menschen (jetzt ist es mein Mann) bis zuletzt zur Seite stehen, auch wenn es (was ich manchmal glaube, aber ich bin stark) meine Kraft übersteigt. Ich lebe weiter, aber was geht in einen sterbenen Menschen vor sich. Ich versuche mich rein zuverseßten, aber ich kann nur meine Gedanken reinbringen und die sind schon sehr heftig. Ich möchte die Menschen aufrütteln, mit ihnen reden, sie trösten, ihnen Mut machen, aber es klappt nicht. Die einzige Möglichkeit bleibt, ihnen ihre Wünsche noch zu erfüllen. Manchmal wünsche ich mir auch, ich könnte nach einer bestimmten Zeit nach Hause gehen und nur schlafen, aber nach meiner Schwiegermutter habe ich keine Ruhepause, sondern kann wegen meinen Mann nicht mehr durchschlafen. Irgendwann geht für mich sie Sonne auf wieder auf. Euch wünsche ich eine angenehme Arbeit (was in diesen Beruf nicht einfach ist) und vielleicht melde sich mal einmal, denn ich brauche inzwischen viel Zuspruch. Danke.
Marichen

Cassiopaia
08.06.2008, 17:11
Hatten wir das Thema nicht schonmal? Zumindest Ansatzweise? Egal, es ist wichtig! Ich will nur nicht Gefahr laufen, mich zu wiederholen (nerv....:schuld)!

Ich arbeite auch auf einer geschlossenen gerontopsychiatrischen Abteilung. Überwiegend Demenzkranke. Und sehr häufig bekommen wir Patienten aufgrund der Überforderung der Angehörigen. Was ich nur allzugut verstehen kann. Auch ich kann nur meinen Hut ziehen vor Menschen, die diese Arbeit , die ich fünf Tage die Woche für 7,7h am Tag als zeitweise extrem anstrengend empfinde, rund um die Uhr verrichten!
Jetzt habe aber ich mir diesen Job ausgesucht, gelernt und bekomme ihn bezahlt. Und trotzdem stehe ich gelegentlich vor einem Patienten und muß mich schrecklich zusammenreißen, daß ich nicht ausflippe! Was auch noch zu berücksichtigen ist, ist, daß der Patient für mich anonym ist....bzw. die Persönlichkeit dahinter....versteht ihr, was ich meine? Ich kenne nur den dementen Zustand, nicht die Mutter oder den Vater, der er/sie mal war. Das heißt natürlich auch, daß ich die Trauer nicht habe.
Es muß die Hölle sein. Eigentlich dürfte man sich das garnicht antun. Wahrscheinlich auch den Patienten nicht, aber was soll man machen, wenn man entweder sein Haus aufgeben, sich in unendliche Schulden stürzen oder eben auch (bzw.noch dazu) akzeptieren muß, daß Mama oder Papa nicht korrekt versorgt werden? Gerade die Alten- und Pflegeheime sind sowas von unterbesetzt, unqualifiziert besetzt oder auf Jahre ausgebucht. Da kann gute Pflege nicht mehr gewährleistet werden.
Aber um das ändern zu können brauchts eine andere Lobby! Wer intressiert sich denn schon wirklich für die Zustände in den Heimen oder auch in Einrichtungen wie meiner? Niemand, der nicht betroffen ist. Das wird gelesen, man entrüstet sich und geht zum Alltagsgeschäft über....und ich habe leider keine Idee, wie dem Abhilfe zu leisten wäre....

Marichen108
22.06.2008, 19:56
Wir haben seit drei Tagen einen Fall bei uns, da ist eine demenzkranke ältere Dame aus den Altenheim weggelaufen und bis jetzt noch wieder gefunden, obwohl sie von der Polizei, Feuerwehr und Hubschrauber gesucht wird. Wer ist in diesem Fall verantwortlich, den das Heim darf sie ja auch nicht einschließen oder festbinden?. Bei meiner Schwiegermutter haben wir es nachts so gemacht, das wir so viel vor dem Bett gestellt haben, das sie nicht rauskonnte, sich aber auch nicht verletzen konnte, bei der Kurzzeitpflege habe ich dafür unterschrieben, das ein Gitter vors Bett gemacht wurde, aber tagsüber kann man nicht dafür aufpassen (wir hatten das Glück, das unser Hund immer gebellt hatte, wenn sie versuchte, wegzulaufen). Das Pflegepersonal schafft es doch auch nicht, jeden demenzkranken Patienten im Auge zu behalten. Ich glaube aber, das es keine richtige Lösung dafür gibt. Eine andere demenzkranke Frau läuft den ganzen Tag durch unseren Ort, findet bisher immer noch nach Hause, aber sie belästigt immer andere Leute, die aber aus Mitleid sie immer wieder reinlassen. Bei der Frau kümmern sich leider die Kinder nicht um sie und es tut einen in der Seele weh, das man ihr nicht helfen kann. Es ist schlimm, wenn solche Menschen ihre eigene Persönlichkeit verlieren und für viele nur noch eine "Lachnummer" sind.
Marichen

Peter Münch
24.06.2008, 18:59
Hallo Marichen

Du beschreibst im Grunde zwei verschiedene Themen: Das eine ist die Frage nach der Verantwortlichkeit im Falle von Demenzkranken und das andere ist die Würde die verloren geht.

Ich habe in meinem beruflichen Umfeld nicht direkt mit Demenzkranken zu tun, sondern vielfach mit Männern, die sehr stark abgebaut haben, meist aufgrund von langjährigem chronischen Alkoholmissbrauch. Auch hier kommt es vor, dass Männer völlig wirr (oft sehr stark angetrunken oder betrunken) in der Stadt herumlaufen. Unsere Einrichtung ist mitten in Nürnberg und da gibt es Gefahren ohne Ende. Aber es ist jedesmal eine sehr schwere Entscheidung wenn es darum geht, gegen den Willen des Betroffenen eine Zwangsunterbringung zu beantragen (das ist die Alternative zum Weglaufen) oder eben darauf zu hoffen und darauf hinzuarbeiten, dass die Menschen sich wieder fangen und in ihren gewohnten Rhythmus zurückfinden. Bei unseren Männern hilft das oft, dass sie eine feste Tagesstruktur und einen klaren Rhythmus haben.

Was die Würde betrifft, kann ich Dir nur zustimmen, dass es einfach weh tut, wenn ein Mensch zur Lachnummer wird und man nichts mehr weiter wahrnimmt an diesem Menschen als ausschließlich seine Lächerlichkeit. Ich nehme da bei unseren Männern sehr viel wahr, was ihnen immer noch Würde verleiht und sie immer noch beeindruckend erscheinen lässt. Oft schimmert nur ein bisschen von dem durch, was diese Menschen einmal waren und darstellten, aber auch in diesen sehr degenerierten Zustand, empfinde ich immer noch ein hohes Maß an Würde. Leider wird das in der Öffentlichkeit nicht unbedingt geteilt. Mir tut es auch jedesmal weh, wenn unsere Männer als Deppen oder Trottel behandelt werden, denn das sind sie nicht...

Peter

Marichen108
24.06.2008, 20:19
Hallo Peter,
bei Alkoholikern bin ich selber der Meinung, das sie sich erst helfen lassen, wenn sie ganz unten sind, aber Demenzkranken können nichts für ihren Zustand. Durch meine Schwiegermutter weiß ich, das man sie eigentlich nicht anbinden und einsperren darf (weiß aber nicht, ob sich das schon wieder geändert hat), außer der Vormund oder das Gericht entscheidet es. Wie aber will man diese Menschen schützen? Als Angehöriger braucht man schon eine sehr lange Zeit, um zu akzeptieren, das sich der Mensch verändert hat und nicht mehr in der heutigen Zeit lebt, sondern nur überwiegend in der Vergangenheit. Ich glaube auch, das man davor zurückschreckt, den Angehörigen in eine geschlossene Anstalt zu schicken, obwohl es vielleicht sicherer für ihn wäre. Der Demenzkranke war einmal eine eigene Persönlichkeit und hat sie nur durch seine Krankheit verloren. Unser Staat sollte sich mal etwas einfallen lassen, damit diese Menschen optimal versorgt werden, denn in einen normalen Altenheim kann diese Pflege nicht geleistet werden und zu Hause wäre es für die Angehörigen ein 24 Stunden Job.
Bei den zweiten Fall, den ich geschildert habe, regt es mich sehr auf, das die Leute nur ihre Witze machen und die Angehörigen sich nicht darum kümmern, was die Frau macht. Sie war mal sehr beliebt und angesehen im Ort und jetzt lacht nur jeder, aber keiner hilft.
Ich weiß, das es ein schwieriges Thema ist, aber vielleicht kann ja irgend jemand sagen, wie man helfen kann.
Marichen

Cassiopaia
30.06.2008, 21:23
Hallo Marichen!

Ein superschwieriges Thema! Wie versorgt man einen dementen Menschen würdig? Ehrlich? Ich habe keine wirkliche Idee, wie das zu bewerkstelligen sein soll...du würdest eine 24Stunden-Kraft mit Nerven wie Drahtseile benötigen. Du kannst niemanden einsperren, festbinden, und eigentlich auch nicht dauerhaft beaufsichtigen, wenn du ihm die Würde nicht nehmen möchtest. Läßt du ihn aber laufen, tun lassen, was ihm gerade einfällt gefährdet er sich unter Umständen massiv. Was ist die richtige Versorgung??? Ich denke ein bißchen Schutz benötigen sie einfach. Dabei bin ich allerdings ein massiver Gegner von Fixationen. (Ich streite deshalb regelmäßig mit meinen Kolleginnen, weil ich lieber einmal zuviel riskiere, daß unsere Patienten stürzen, als daß ich sie fixiere. Denn das ist meiner Meinung nach das unwürdigste, was wir den Menschen antun können!)
Jemanden, der aber so dement ist, daß er sich z.B.im Straßenverkehr nicht mehr zurechtfindet und damit sich und andere gefährdet, sich verläuft und nie wieder zurückfindet (und dann lass es Winter sein) oder aber auch sich zum Gespött der Menschheit macht, weil er das halbe Dorf durchklingelt, dem denke ich ist mehr Würde gegeben, wenn er in einer beschützten Einrichtung untergebracht wird. Und nicht alle geschlossenen Altenheime haben Ähnlichkeiten mit Justizvollzugsanstalten:bleek. Es gibt tolle (speziell für Demenzkranke) Einrichtungen....wenn man einen Platz bekommt:megasauer
Ich denke in deinem Fall (die alte Frau in eurem Dorf) kannst du die anderen Dorfbewohner daran erinnern, daß auch sie vor Demenz nicht gefeiht sind, die Dame behandeln, wie du das früher auch getan hast und auch andere davon überzeugen. Und vielleicht mal mit den Angehörigen sprechen. Vielleicht ist ihnen das alles ja garnicht bewußt? Oder sie sind überfordert? Oder sie hat sich das zu Zeiten klaren Verstandes so gewünscht?

LG
Cassiopaia

P.S.: Was die Alkoholkranken anbelangt, muß ich dir widersprechen! Auch Alkoholismus ist eine Krankheit! Sie mag selbstverschuldet sein, aber trotzdem ist es eine Krankheit. (Und ganz ehrlich? Ist ein Beinbruch beim Skifahren nicht auch selbstverschuldet?)

Peter Münch
01.07.2008, 21:24
Noch was zu den Alkoholikern: Grundsätzlich glaube ich auch, dass es eine Entscheidung gegeben hat so zu leben, aber bei den Männern, mit denen ich es zu tun habe, ist zum Teil soviel zerstört, dass sie nichts mehr wirklich entscheiden können. Vor kurzem hatten wir einen Mann in der Entgiftung, in der Hoffnung, dass er ansprechbar werde, wenn er nüchtern ist, das Ergebnis war, dass er sich kaum wesentlich anders verhalten und geäußert hat als vorher.

Grundsätzlich ist es so, dass Alkoholiker sehr klare Regeln brauchen und sehr klare Ansagen bekommen, aber wir haben es mit Menschen zu tun, die zum einen keine Krankheitseinsicht haben und zum anderen auch materiell und ideell alles verloren haben. Wer ganz unten angekommen ist, der hat entweder keinen klaren Kopf mehr oder er leidet pausenlos, weil alles kaputt ist was er je aufgebaut hat.

Ich möchte nicht behaupten, dass diese Menschen alles entschuldigt bekommen, aber es gibt einen Punkt an dem es, ganz gleich wie man es dreht, aus der subjektiven Perspektive des Einzelnen keinen Rückweg und keinen Ausweg mehr gibt. Denn wenn nicht nur der Alkohol das Problem ist, sondern weitgehend alles, weil nichts mehr da ist, dann ist der Alkohol nur ein Problem unter vielen....

Die Männer mit denen ich es zu tun habe, haben oft Hirnschädigungen aufgrund des langjährigen Alkoholmissbrauchs und deren Freiheit ist begrenzt...

Diese Lanze für "unsere Männer" musste ich brechen...

Peter

Marichen108
01.07.2008, 23:11
Hallo Peter,
in vielen Sachen hast Du recht. In unserer unmittelbarer Nachbarschaft wohnt (eigentlich kann man sagen, haust) ein Mann, war früher Zimmermannsmeister mit eigener Firma, fleißig und unheimlich fähig, die Ehe ging den Bach runter, fing das trinken an, wurde unzuverläßlich und machte Pleite. Jetzt trinkt er nur noch, läßt sich von keinen helfen, ist alleine und führt nur noch Selbstgespräche, die oft sehr lautstark sind (weil er seinen ganzen Frust abläßt und es oft die ganze Nacht geht). Uns bleibt nur übrig, wenn er uns anspricht, ihn normal zu behandeln und sonst achten wir darauf, ob sich täglich bei ihn etwas bewegt (Fenster aufmachen, ihn hören oder sehen), denn irgendwann kann es passieren, das er tot in seiner Wohnung liegt und erst nach Wochen gefunden wird, denn er bekommt nie Besuch. Dieser Mann ist durch die ganzen Umstände zum Trinken gekommen, aber wenn ich sehe, daß junge Leute lieber den ganzen Tag feiern und sich lustig über die "Blöden" machen, die arbeiten gehen, könnte ich explodieren. Zum Entsetzten meines Mannes (hat deshalb schon oft Angst um mich gehabt) habe ich auch keine Probleme damit, denen meine Meinung zu sagen und mich ihnen zu stellen. Natürlich ist Alkoholismus eine Krankheit, aber eine die man heilen kann, wenn man will. Demenzkranke können ihren Zustand nicht beeinflussen, sondern sind zuletzt eigentlich nur hilflose Wesen, denen man nur wünschen kann, das sie bald erlöst werden.
Marichen