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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Unterschied zwischen Russen und Russlanddeutsche



Volker Rossow
09.02.2008, 18:09
Es gibt immer wieder große Missverständnisse in allen Einrichtungen mit dem Wort "Russen".

Wenn eine Person nicht richtig Deutsch spricht und es irgendwie bekannt wird, das dieser Patient oder Bewohner Russisch spricht, geraten immer wieder viele in die Oberflächlichkeit, dass diese Person als "Russe" betitelt wird.

Dies kann richtig sein, aber auch eine gewaltige Fehleinschätzung sein, wenn man den Patienten oder Bewohner nicht fragt:


Russen, die auch stolz darauf sind Russen zu sein,
können aus Russland oder auch aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken kommen.
Sie freuen sich, wenn man sie als Russen bezeichnet.
Man kann es ihnen nicht ansehen, somit muss man sie fragen, wenn man sicher gehen will
Russlanddeutsche dagegen,
Die Vorfahren kamen durch Katharina II nach 1762 als Siedler mit vielen Versprechungen nach Russland, meist aus dem südwestlichen Teil von Deutschland - mit der Zeit verschlechterten sich alle Vorteile die ihnen versprochen wurden. Unter Stalin und dem Kalten Krieg wurden viele deportiert, wurden umgesiedelt, durften zeitweise nicht die deutsche Sprache sprechen und konnten bestimmte Gebiete nicht verlassen. Dies führte dazu, das die BRD Verträge aushandelte, das Russlanddeutsche nach Deutschland wieder zurückgehen durften.
fühlen sich Deutsch
erwarten dass sie in Deutschland als Deutsche behandelt und bezeichnet werden.
für sie ist Deutschland ihre Heimat (aber eher für die älteren Russlanddeutschen, bei den jüngeren Generationen ist das nicht mehr ganz so klar).
Manch ältere Personen, wollen in deutsch angesprochen werden, obwohl manche gar nicht viel Deutsch verstehen. Selbst wenn jemand im Raum russisch sprechen kann.
Für sie ist es eine glatte Beleidigung, als Russe bezeichnet zu werden.
http://de.wikipedia.org/wiki/Russlanddeutsche
Hier gibt es noch genauere Infos zu Russlandsdeutschen Da ich seit Jahren dieses Problem beobachte, gehe ich davon aus, es ist ein echtes Informationsproblem. Es ist leichter verständlich, wenn man mehr darüber weiß.

Vielleicht habt ihr ähnliche oder andere Erfahrungen gemacht, dann würde ich mich freuen, wenn ihr darüber berichtet...

Poncic
04.09.2008, 12:07
Hallo!
Also ich weiss nicht was das Thema "Russlanddeutsche" in einem Pflegeforum macht, aber egal, mit der These :so_ist_es:




Für sie ist es eine glatte Beleidigung, als Russe bezeichnet zu werden.
liegst Du eideutig falsch!!!!! Egal wo man her kommt und was für einer Volksgruppe man angehört, sagen alle die aus ehem. UdSSR kommen, daß sie Russen sind! Warum? Weil, es viel einfacher ist als allen die Lebensgeschichte zu beschreiben. Ich komme aus einem der GUS- Staaten, bin kein Russe und ich sage auch "Ich bin Russe"--> weil´s einfacher ist! Es ist keine Beleidigung!

Druß, Poncic

Brady
04.09.2008, 12:20
Hallo!
Also ich weiss nicht was das Thema "Russlanddeutsche" in einem Pflegeforum machtHallo Ponic,

will mal darauf antworten. Wir leisten in der Pflege Beziehungsarbeit, deshalb ist dieses Thema und sind auch andere Migrationsthemen hier im Forum. Deshalb heissen wir "Pflegeweltweit".
Aber wenn Du sagst, dass diese Aussage nicht richtig ist, dann ist das für uns auch ein wichtiger Hinweis.

Liebe Grüße Brady

Volker Rossow
04.09.2008, 13:24
Hallo Ponic,

Mit Aufmerksamkeit habe ich Deine Antwort gelesen.

Da ich sowohl mit vielen Russen als auch mit vielen Russlands-Deutschen in unserem Klinikum zu tun habe, zudem einigermaßen russisch spreche - ist mir die "Thematik der Unterscheidung" sehr klar geworden.

Ich freue mich für Dich, dass es Dir egal ist.
Aber ich weiß aus persönlichen Erfahrungen wie schmerzhaft für viele ältere Menschen - ein oberflächliches Ansprechen - wirkt. Und jeder unnötige Schmerz, ob körperlich als auch mental, sollte auch im Krankenhaus vermieden werden. Dies ist für mich Professionalität

Ich bin froh und dankbar, dass ich in diesem Forum die große Möglichkeit habe auf solche Dinge hinzuweisen.

Poncic
04.09.2008, 21:32
Hallo Brady, hallo Volker Rossow!

Na gut, ich sehe es ein, interkulturelle Themen gehören auch in die Pflege.
Ok, einige mögen es nicht als Russen genannt zu werden, aber die absolute Mehrheit der " RUSSLANDDEUTSCHEN " bezeichnet sich selber als "russaki", was einfach "russen" bedeutet (ist zwar ursprünglich eine Bezeichnung für Färbung der Hasen, aber man hat es umfunktioniert).
Ich denke, die meisten " russisch-sprachigen" wollen in Deutschland ankommen, deutsche sein und ihre "russische" Vergangenheit hinter sich lassen. Ich denke, es ist ehe die "russisch" als Bezeichnung(so zusagen ein Stempel und man wird es nicht los), als das "russisch" Sein, das Problem.
Wenn die "hier geborenen deutschen" aufhören das Wort "RUSSE" als Beleidigung zu verwenden, dann werden es die "nicht in Deutschland geborene deutsche" auch nicht als solches ansehen!:21_002:


Also, auf die Völkerfreundschaft!:Handschütteln:

pffanja
04.09.2008, 23:26
Also ich verstehe das nicht.

Ich bin auch Deutsche und alle denken nur Bayern ist richtiges Deutschland. Muss ich nun auch alle darauf hinweisen das ich Norddeutsche bin?

Peter Münch
06.09.2008, 10:48
Muss ich nun auch alle darauf hinweisen das ich Norddeutsche bin?

Fände ich toll!!!:kichern:

Aloha
22.09.2008, 01:23
Russen, die auch stolz darauf sind Russen zu sein, können aus Russland oder auch aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken kommen. Sie freuen sich, wenn man sie als Russen bezeichnet.

Auch die, die eben nicht aus Russland kommen? Kann sich natuerlich um Einzelfaelle handeln, aber ich habe oefter eine aergerliche Reaktion erlebt, wenn wer als "Russe" bezeichnet worden ist und derjenige z.B. aus Armenien kam.

Uebrigens - gutes Thema, Volker! *winke*

LG Aloha

Volker Rossow
22.09.2008, 09:25
Hallo zusammen!!

Ich finde es schon super, wenn manchen das Problem überhaupt auffällt.

Das Problem ist grade für die Menschen besonders groß, die eh die Welt um sich herum nicht genau verstehen. Sei es wegen der Sprache - sei es wegen, dem dass sie aus einer anderen Kultur kommen - sei es das Sie aus einer Vergangenheit kommen, mit der sie in unserer Gegenwart (Wirklichkeit) oft überfordet sind.

Wenn Menschen aus anderen Kulturen und anderen Vergangenheiten länger bei uns gelebt haben, ist es für sie nicht mehr so schwierig unsere oberflächligen Äußerungen einzuschätzen.

Ein Grund dieser Oberflächligkeit ist sicher, dass die wenigsten die Geschichte der Ostblockstaaten kennen, geschweige denn begriffen haben.

Ich muss aber auch zugeben, auch ich weis zu diesem Thema nicht alles und muss noch sehr viel dazu lernen.

Peter Münch
22.09.2008, 12:14
Sei es wegen der Sprache - sei es wegen, dem dass sie aus einer anderen Kultur kommen - sei es das Sie aus einer Vergangenheit kommen, mit der sie in unserer Gegenwart (Wirklichkeit) oft überfordet sind.

Hallo Volker

Kannst Du diesen Zusammenhang etwas näher erläutern? Ich finde nämlich gerade diesen Umstand sehr spannend und wenig beachtet. Das was für uns westlich orientierte Menschen Gegenwart ist, muss es nicht automatisch auch für andere Menschen sein. Aber über diese unterschiedlichen Zeiten und damit unterschiedlichen Wirklichkeiten, in denen Kulturen und Menschen ticken, wird wenig nachgedacht. Mag sein, dass in der konkreten Arbeit auch nicht unbedingt ein so dringendes Problem ist, aber es spielt mit rein.

Aber vielleicht meinst Du ja auch noch was anderes als das was ich rausgelesen habe...

Herzliche Grüße

Peter

P.S. Wenn das jetzt zu sehr vom Thema weggeht können wir auch ein neues Thema unter dieser Überschrift eröffnen. Ich meine das Thema verschiedener Zeiten und Wirklichkeiten

Volker Rossow
22.09.2008, 13:27
Hallo Peter

Zur Zeit bereite ich einen Vortrag vor, der sich mit dem Thema beschäftigt. Ich arbeite schon seit mehreren Wochen daran, um das Thema auf 40 Minuten reduzieren zu können. Ein paar Überschriften kannst Du hier lesen:
pflege-fremdsprachen-system-rossow - AKTUELLES - 22.09.2008 (http://pflege-fremdsprachen-system-rossow.eu/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=1&Itemid=29)

Die Gegenwart wird sicher aus den Vergangenheiten gebildet, die sich im Jetzt treffen. Die Sprachen und die Kulturen werden langsam von vielen wahr genommen. Das größte Problem ist aber, dass die Mitmenschen die Vergangenheit der einzelnen Menschen schlecht oder kaum wahr nehmen. Aber genau diese lassen Religionen und Mißverständnisse so richtig hochkochen. In der nächsten Zeit - auch bei meinen Vorträgen - möchte ich den Vergangenheiten einen größeren Platz einräumen.

Vergangenheit hat etwas mit der erlebten persönlichen Geschichte zu tun. Menschen aus dem Osten, aus dem Nahen Osten (oder aus anderen Teilen der Welt) sind mit anderen Hilfsmitteln und anderen Weisheiten aufgewachsen. Sie haben uns Dinge vorraus, die wir schon lange vergessen haben. Dagegen haben sie zum Teil große Probleme unsere "Erungenschaften" als etwas positives zu erkennen.

Interessant zu diesem Thema, auch wir in Deutschland sind bei bestimmten Themen einige Generationen dem Jetzt hinterher. Zum Beispiel die Schweiz und Luxemburg können ihre Patienten seit vielen Jahrzehnten in meheren Sprachen professionell versorgen. Dieses Thema ist in Deutschland noch nicht mal offiziell erkannt worden. - Also - die Gegenwart hat einiges zu bieten!

Peter, ich hoffe dies reicht Dir im Moment

Peter Münch
22.09.2008, 15:34
Menschen aus dem Osten, aus dem Nahen Osten (oder aus anderen Teilen der Welt) sind mit anderen Hilfsmitteln und anderen Weisheiten aufgewachsen. Sie haben uns Dinge vorraus, die wir schon lange vergessen haben. Dagegen haben sie zum Teil große Probleme unsere "Erungenschaften" als etwas positives zu erkennen.

Hallo Volker

Vielen Dank für Deine Antwort, die es gut trifft! Tatsächlich scheint es so zu sein dass in den verschiedenen Kulturen verschiedene Zeiten gibt, also auch verschiedene Vorstellungen, Definitionen und Erlebnissformen der Zeit. Manche dieser Zeiten sind nicht unmittelbar mit unserer westlichen Zeiterfahrung oder Zeitdefinition kompatibel und dann gibt es Kollisionen an Stellen, die man sich kaum aus der Situation heraus erklären kann.

Inwieweit wir uns hier in der BRD auf unseren Fortschritt etwas einbilden, dass uns an vielen Stellen blind werden lässt gegenüber anderen Wirklichkeiten, ist ein spannendes Thema...

Peter