Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Warum ist die Muttersprache so wichtig?
Volker Rossow
09.02.2008, 15:38
Stellt Euch vor,
aus irgend welchen Gründen geratet Ihr in ein Krankenhaus im Ausland in die Notaufnahme, ihr könnt euch nicht selbstständig von der Liege wegbewegen, ca. fünf Helfer sind zum Teil mit Euch und zum Teil mit irgendwelchen Dingen im Raum beschäftigt. Es ist zum Teil sehr laut und einige bewegen sich sehr schnell im Raum.
Alle im Raum reden russisch, polnisch, türkisch oder eine andere Sprache die ihr wirklich nicht versteht.
Plötzlich kommt eine Person an die Liege und spricht Euch auf deutsch an und sagt: "Ich werde mich um sie kümmern. Sie brauchen keine Angst haben, die Leute verstehen ihre Arbeit sehr gut. Es ist auch nicht so schlimm wie es aussieht."
Vielleicht hätte es auch gereicht, wenn Euch jemand diese Information vorgelesen hätte, oder die verschiedenen Sätze zum Lesen vorgelegt hätte - für Euch in Deutsch natürlich.
Ich kann mir vorstellen, die eigene Muttersprache zu hören oder zu lesen ist schon eine Art Sicherheit (etwas Vertrautes) und Heimat
In der Muttersprache gibt es unabhängig von der Schulbildung des Patienten, kaum Missverständnisse sogar um etwas schwierigere Sachverhalte zu verstehen.
Bei erlernten Fremdsprachen besteht immer das Problem darin, das sowohl das Personal als auch der Patient große Lücken in der Verständigung aufweisen.
Die Muttersprache ist nicht nur eine Sprache, sondern auch eine Denkweise, die es den Betroffenen leichter machen, Zusammenhänge leichter zu verstehen und sich selbst das Ganze mit den gleichen oder anderen Worten nochmal durch den Kopf gehen zu lassen.Ich würde mich freuen, wenn Euch dazu etwas einfällt, denn so geht es fremdsprachigen Patienten täglich in unseren Einrichtungen..... wenn sie nicht deutsch verstehen
Ich kann Dir wieder nur zustimmen, Volker. Ich war tatsächlich vor gut einem Jahr in der Situation, in die italienische Notaufnahme zu müssen, war allerdings nicht so dramatisch, und da ich Personal war, wurde ich anders behandelt. Ich lag halt auf dem Flur auf einer Liege, es war kalt und ständig rannten Menschen an mir vorbei. Außerdem konnte ich akustisch fast alles verstehen, was in den anderen Räumen mit den anderen Patienten gesprochen wurde.
Als man mir mir Deutsch sprach, fühlte ich mich tatsächlich wohler.
Hallo Volker,
es hat mich zwar nicht selbst betroffen, aber die Erzählungen meines Bruders waren so eindrucksvoll, dass ich noch oft daran denken muss.
Mein Bruder ist häufig auf Auslandsmontage. Er war in Kuwait und half dort, einen Lastwagen abzuladen, verunglückte dabei. Im Krankenhaus wurde erstmal nur die Landessprache mit ein wenig Englisch gesprochen. Eine Reinigungskraft hat ihn nach seiner Operation das erste mal in seiner "Muttersprache" angesprochen, was sich nach seiner Aussage fast schon wie eine "Erscheinung" angefühlt hat. Er hatte zum einen nicht wirklich mitbekommen, was genau bei der Operation gemacht wurde, zum anderen konnte er auch seine Zimmernachbarn nicht verstehen.
Diese Reinigungskraft war somit für ihn ab sofort das Sprachrohr und konnte ihm alles übersetzen, was für ihn ein riesiger Glücksfall war. Er sagte uns, er hatte sich noch nie so verloren gefühlt, fast schon seiner Sprache beraubt zu sein.
Gruß Musikus
Volker Rossow
09.02.2008, 21:24
Hallo zusammen,
Ich habe mich gefreut Eure Beiträge zu lesen.
Mit jedem Beitrag lerne ich ein bisschen mehr, was es noch außerhalb meiner Welt gibt. Es ist super mit Euch zusammen zu arbeiten
Volker Rossow
21.05.2008, 23:47
Liebe Kollegen(innen)
Wie schon weiter oben beschrieben, ist die Muttersprache unabhängig von der Schulbildung. Somit unschlagbar bei der Kommunikation in schwierigen Situationen.
Somit wäre der erste große Schritt:
Die Muttersprache muss immer bei den Angaben zum Patienten einen Platz haben (ob zum ankreuzen oder ausgeschrieben)Weitere wichtige Schritte:
Auch wenn Menschen seit langer Zeit in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache leben - in kritischen Situationen reagieren einige Menschen nur noch auf ihre Muttersprache (Verwirrung, Entbindung, Angst usw.)
Es ist immer wieder erstaunlich, wie man mit ein, zwei oder drei Worten - fremdsprachige Patienten in ihrer Muttersprache begeistern kann und das Entgegenkommen des Patienten enorm steigern kann
Als Pflegekraft kennt man ca. 50.000 oder noch mehr Sätze um die Arbeit in der Pflege komplett durch zu führen.
Ca. 100-200 verschiedene Sätze brauchen wir täglich in der Kommunikation
Ca. 5 - 10 Sätze nutzen wir mehrmals am Tag um den Patienten anzusprechen oder zu beruhigen. Und genau diese 5 -10 Sätze wären gut, wenn wir sie in mehreren Sprachen ständig zur Verfügung haben.
D.h. man muss diese 5 -10 Sätze ganz individuell herausfinden, in Deutsch aufschreiben und dann die Übersetzungen dazu herausfinden.
Diese 5 - 10 Sätze immer wieder ohne Patienten laut in verschiedenen Fremdsprachen zu lesen, damit sie im Ernstfall locker über die Lippe gleiten.
Einige dieser Sätze befinden sich sicher auf meiner Website...Vielleicht habt Ihr noch viel interessantere Ideen, wenn es um die Muttersprache und Pflege von fremdsprachigen Menschen geht? Ich freue mich darauf........
Die Muttersprache muss immer bei den Angaben zum Patienten einen Platz haben (ob zum ankreuzen oder ausgeschrieben)
Wird das noch nicht so gehandhabt, Volker?
Hier wird man das immer gefragt und es wird auch notiert. Als ich mit unserer 2jaehrigen Tochter beim Arzt war, wurden auch die Muttersprachen der Eltern aufgeschrieben.
Als Mitarbeiter in einer Klinik etc. kann man sich ja auch erfassen lassen, wenn man eine andere als die Landessprache spricht und wird dann u.U. bei Verstaendigungsproblemen mit Patienten herangezogen.
Volker Rossow
22.05.2008, 09:35
Hallo Aloha
Die Muttersprache der Patienten ist heute noch im deutschen Gesundheitwesen z.B. Krankenhäusern ein Stiefkind. Wahrscheinlich auch ein Problem in ganz Deutschland.
Es ist sicher kein Zufall, dass die "Transkulturelle Pflege" ihre Wurzeln in der USA hat - aus den 60er Jahren.
Hier in Deutschland wird das Thema langsam auch auf medizinischen Kongressen vorgetragen. Somit wird das Thema "Muttersprache" neben der Kultur in einer Verzögerung von ca. 40 Jahren wahrgenommen.
Beim Aufnahmegespräch und bei den Patientenangaben wird manchmal gefragt, welche Sprache spricht der Patient. Dies ist natürlich schon ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.
Dies führt immer wieder dazu dass die Muttersprache nicht speziell berücksichtigt wird. Somit haben wir in den Funtionsabteilungen oft das Problem, dass wir diese Information nicht bekommen. Das schlimmste was manchmal passiert, ist, wenn auf der Kurve steht: "Patient spricht nicht deutsch".
D.h. ich weiß dass der Patient nicht deutsch spricht, aber ich kann als Pflegekraft in der Aufwachstation, auf der Intensivstation und beim Aufwachen nach der Narkose keine Möglichkeiten nutzen, um mit dem Patienten zu sprechen, selbst wenn ich die richtigen Sprach-Sätze zur Verfügung hätte.
Sprechen ist hier deshalb so wichtig, da der Patient zeitweise in Stress-Stituationen nichts sehen oder erkennen kann. Zudem wacht der Patient aus einem tiefen Schlaf auf, weiss nicht wo er ist und reagiert hier immer wieder nur in der Sprache in der er träummt
Ich erlebe immer wieder, dass beim Pflegepersonal kein Unterschied zwischen Sprachen und Muttersprache gemacht wird.
Umgekehrt erlebe ich auch oft, das Patienten eine Sprache angeben zu verstehen, die Sie letztendlich kaum verstehen. Zudem gibt es viele fremdsprachige Patienten, die aus Höflichkeit allem Möglichen zustimmen, um gut behandelt zu werden.Natürlich gibt es genügend Beispiele in denen es besser gelaufen ist.
Aber da ich einige Fremdsprachen spreche oder lesen kann, fallen mir viel mehr Probleme mit fremdspachigen Patienten im Krankenhaus auf, als meinen Kollegen, die das Problem nicht erkennen können.
Das Pflege-Management ist dabei noch weiter von der Lösung entfernt, als die Pflegekräfte am Bett. Zart aber stetig nehme ich auf meiner Website auch immer mehr Führungskräfte war, die sich um das Fremdsprachen- Problem am Bett in alltäglichen Situationen bemühen.
Aloha, um Deine Frage zu beantworten:
Es wird noch Jahre dauern, bis die Wichtigkeit der Muttersprache in deutschen Krankenhäusern erkannt worden ist.
Hallo,
sehr gutes Thema, was mich täglich betrifft.
Hier wo ich arbeite ist es zweisprachig also Schweizerdeutsch und Französisch.
Bei uns ist immer angegeben welches die Muttersprache ist.
Wir haben die Anweisung in der jeweiligen Muttersprache zu sprechen.
GUt in Französisch fällt es mir nicht immer leicht. Dies hängt von mehreren Faktoren ab. (Tagesform, Sprachtempo...)
Als ich auf dem NOtfall musste, da ich mich mit
einer genutzten Kanüle gestochen habe, hat
eine Pflegende die ganze Zeit nur Franz mit mir gesprochen. Ich habe mich so hilflos und alleine gefühlt. Dann kam der Arzt den ich auch gut von Station kenne und fragte seit wann ich denn Franz rede.:trösten
Naja ich verstand ncihts was die gute Frau mir erklärte , wollte einfach schnell wieder auf Station und nachlesen.
Seit dem ist mir klar, wie gut es sein kann wenn jemand schon Kleinigkeiten in der jeweiligen Muttersprache sagen kann.
Wir hatten auch mal einen Patienten aus den USA, niemand meiner KOllegen spricht English, es wird ja nur Franz als Fremdsprache gesehen.
Er war immer froh als ich zum Nachtdienst kam und ich habe ihm dann immer alles erklärt, er war wirklich froh.
Bei uns werden auch Mitarbeiter eingetragen die eine jeweilige Fremdsprache sprechen und können dann als Dolmetscher hinzugezogen werden.
Schönen Tag an Euch!
Schnecke
23.05.2008, 14:50
Hallo Kollegen!
Also mir ist es vor Jahren mal passiert, dass ich meinen damaligen Freund in Thailand ins Krankenhaus begleiten musste.
Gut, wir konnten uns mit den Schwestern und Ärzten über die wichtigsten Dinge in englisch unterhalten, sobald es aber ins Detail ging war aber auch Schluss bei uns. Es mussten z.B. einige Dinge die Auslandskrankenversicherung betreffend vor Ort geregelt werden und da waren wir sehr froh, dass man uns eine Dolmetscherin zur Verfügung gestellt hat, die deutsch sprechen konnte...
Schnecke:veräppeln
Danke fuer Deine ausfuehrliche Antwort, Volker! *winke*
Umgekehrt erlebe ich auch oft, das Patienten eine Sprache angeben zu verstehen, die Sie letztendlich kaum verstehen. Zudem gibt es viele fremdsprachige Patienten, die aus Höflichkeit allem Möglichen zustimmen, um gut behandelt zu werden.
Das ist auch ein recht wichtiger Punkt. In vielen asiatischen Kulturen ist es ja z.B. auch unhoeflich, eine Frage mit "ich weiss es nicht" zu beantworten und man gibt dann einfach etwas an, um seine Unwissenheit zu vermeiden.
In dem US-Nursing-Buch, in dem ich gerade ab und an meine Nase reinstecke, sind die verschiedenen Kulturen auch ein grosses Thema. Da haengt neben der anderen Sprache ja noch recht viel dran:
verschiedene Religionen mit Gebraeuchen und Eigenheiten
unterschiedliche Essgewohnheiten
Gesten und Mimik (bei manchen Voelkern wird ein In-die-Augen-Schauen als ausserst unhoeflich aufgefasst etc.)
und und undEin aeusserst interessantes und vielfaeltiges Thema!
Kann mir vorstellen, Pffanja, dass das kein so gutes Gefuehl war! Zum Glueck kannst Du wenigstens Franzoesisch, ich saehe da alt aus... :D
Bei uns werden auch Mitarbeiter eingetragen die eine jeweilige Fremdsprache sprechen und können dann als Dolmetscher hinzugezogen werden.
Das ist doch schon mal sehr positiv! *top*
Kann mir vorstellen, Pffanja, dass das kein so gutes Gefuehl war! Zum Glueck kannst Du wenigstens Franzoesisch, ich saehe da alt aus... :D
Zu dem Zeitpunkt nur "Bonjour" und "Ca va."
Aber selbst das muss ja extrem professionell gewirkt haben. :hurra
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