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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die vergessene Generation von Susanne Bode



Flocky
27.03.2008, 17:46
Ich war mir erst nicht sicher ob ich das Buch hier unter Literatur in der Pflege einstellen soll bin jetzt aber zu dem Schluss gekommen dass ich es euch nicht vorenthalten möchte.
In diesem Buch wird über Personen berichtet die während der Kriegsjahre Kinder oder Jugendliche waren und die nach Kriegsende das ganze erlebte Grauen soweit verdrängt haben um dann erfolgreich weiter leben zu können. In der Regel sind sie alle pflichtbewusst und diszipliniert und haben es im Leben zu etwas bescheidenem Wohlstand gebracht. In diesem Buch wird aufgezeigt wie das Erlebte das Leben dieser Menschen bis in die nächste Generation beeinflusst hat, eben gerade weil es niemals thematisiert und aufgearbeitet wurde.
Mich hat das Buch tief bewegt weil es mir das Verhalten meiner Eltern und auch die Kühle in meiner Kindheit nachvollziehbarer machte. Leider habe ich keine Möglichkeit mehr gehabt mit meinen Eltern darüber zu sprechen.
Weshalb ich gerade jetzt dieses Buch hier vorstelle ist dass ich gestern auf einen Patientin getroffen bin die innerhalb der letzten sechs Wochen zum dritten Mal bei uns aufgenommen wurde. Immer wieder wegen plötzlich auftretender pectanginöser Beschwerden und damit einhergehenden Panikattacken. Sie wurde schon beim ersten Mal komplett durchdiagnostiziert und man hat keinen Grund für die Beschwerden finden können. Ebenso beim letzten Aufenthalt, deshalb hat man sie beim letzten Aufenthalt dem Psychiater vorgestellt. Worauf sie sich dann am nächsten Tag auf eigenen Wunsch entlassen ließ.
Als ich gestern im Gespräch versuchte nochmals den Weg in diese Richtung zu bahnen brach es aus ihr heraus: " Der spinnt doch, der meint das sind nicht verarbeitete Kriegserlebnisse und das nach sechzig Jahren.“
Das hat mich dann natürlich wieder an dieses Buch erinnert.
Ich kann es wirklich nur empfehlen, auch wenn man nicht direkt in der Psychiatrie arbeitet denn ich denke auf Patienten mit ähnlicher Problematik werden wir in Zukunft vermehrt treffen.

Bei weiterem Interesse kann ich folgenden Link empfehlen:
http://www.kriegskinder.de/ (http://www.kriegskinder.de/)

Flocky

Brady
27.03.2008, 19:13
Hallo Flocky,

damit hast du schon recht, dass diese Menschen vermehrt auf uns zukommen werden. Auch wenn es erscheint, dass der Krieg doch soviele Jahre schon vorbei ist und die Generation, die noch lebt schon sehr alt ist, sind auch bei der nachfolgenden Generation diese Auswirkungen noch zu spüren.

Sei es die "Kälte", das nicht aussprechen können von Gefühlen, das Verdrängen von eigenen Empfindungen, usw.....
Klar, dass psychosomatische Beschwerden entstehen, wenn man keinen Ausdruck von Worten kennt, oder über Empfindungen und Gefühlen hinweggeht, die man Jahre verdrängt hat. Der Körper drückt dies dann aus, wenn kein anderer Weg gefunden wird. Dies dann wieder zusammen zubekommen, dass das Symptom" ein Ausdruck von nicht verarbeiteten Problemen ist, ist dann wiederum ein schwieriger Schritt. Unvorstellbar für jemanden, der so wenig mit Gefühlen was anfangen kann.

Deshalb ist es auch ein langer und schwieriger Weg von Arzt zu Arzt, bis man dann als letzte Anlaufstelle doch zum Psychiater geht, weil es nicht mehr aushaltbar ist und einem immer wieder gesagt wurde: "Es ist nichts somatisches bei Ihnen zu finden". Das ist oft ein langer Leidensweg....

Es ist noch nicht solange her, dass Väter keinen Kinderwagen schoben, dass Väter nach der Arbeit in Ruhe gelassen werden wollten und sich nicht mit der Kindererziehung auseinandersetzten. Der Vater war oft, derjenige der zum Strafen eingesetzt wurde: "Warte wenn Vater von der Arbeit kommt"...usw...

Oder bei Vätern von Jungen, dass es sich garnicht gehörte den Sohn zu küssen oder zu liebkosen.
Dies ist nicht mit Vorwurf gemeint, sondern es kam durch diese harte Zeit, die einen geprägt hatte. Es bedeutet auch nicht, dass diese Eltern ihre Kinder weniger geliebt haben, sondern es gab keinen Platz für sowas. Vielmehr gehörte es zum Überleben hart gegen sich zu sein und das gibt man dann auch weiter.

Die Generation, die so aufgewachsen ist, wird auch ihre Schwierigkeiten haben, diese Verhaltensmuster abzulegen. Die Worte fehlen einfach dafür, so ein Vater geht dann auch eher hin und tapeziert einem die Wohnung, schimpft...dass die Farbe nicht richtig ist, die man gekauft hat. So kann er besser seine Liebe zeigen.

Das sind jetzt auch mal meine Erfahrungen aus dem Bereich, wo mir Patienten erzählten, wie ihre Kindheit war. Diese, die sich auch beschwerten, mein Vater hat nie mit mir gespielt. Einer von diesen Patientienten war 50 Jahre alt und als ich ihn fragte, ob er das denn bei anderen Kindern damals gesehen hätte. Ob denn andere Väter mit ihren Kindern gespielt hätten? Er verneinte dies und es wurde ihm auch klar, dass diese Zeit eben so war.

Auch kommen immer mehr Menschen auf uns zu, die in anderen Ländern Kriegserfahrungen hautnah mitbekommen haben. Diese traumatisierten Menschen gibt es heute mehr denn je.
Liebe Grüße Brady