Brady
22.03.2008, 16:26
AYDAN ÖZOAGLAR, FREIBURG/BR.
Quelle: Zeitschrift der Psychoanalyse und ihre Anwendungen.
LXI. Jahrgang, Hefft 11, November 2007
»Irgendwie anders« - Über Schwierigkeiten in deutsch-türkischen Psychoanalysen*
Übersicht:
Die Schwierigkeit, häufig nur subtil wahrgenommene
Besonderheiten in der Beziehung deutsche/r Analytiker/in und türkische/r Analysand/in psychoanalytisch zu beschreiben, scheint sich aus der kulturellen Einbettung der psychoanalytischen Theoriebildung in der jüdisch-christlichen Tradition zu erklären.
In der psychotherapeutischen Behandlung der zweiten Migrantengeneration muß nicht nur die Problematik
der kulturellen Identität zwischen Herkunftskultur und umgebender Kultur beachtet, sondern auch Verständnis für transgenerationell wirksame Konflikt der Elterngeneration zwischen islamischer Tradition und westlicher Moderne aufgebracht werden. Anhand dreier Fallvignetten wird die Bedeutung der Wechsclwirkungen von historischer Entwicklung, sozioökonomischen Bedingungen, sozialer Organisation, normativen Werten und der Persönlichkeitsentwicklung der in der Migration
aufwachsenden Generation herausgearbeitet. Die psychoanalytische Theorie mit ihrem anderen kulturellen Hintergrund wird dabei nicht als unzureichend, sondern als notwendige »Achse«angesehen, an der sich die kulturellen Unterschiede beschreiben lassen.
Schlüsselwörter:Migration,
Islam, kulturelle Identität, psychosexuelle Entwicklung, männliche Beschneidung
Während in den letzten Jahren das Interesse für psychoanalytische Therapie
allgemein abnahm, hat die Anzahl von Migranten in psychoanalytischen
Praxen zugenommen. Darunter sind viele türkischstämmige Patienten,
vor allem junge Frauen, die meist in Deutschland geboren oder
aufgewachsen sind und die deutsche Sprache wie ihre Muttersprache beherrschen.
Dennoch fürchten manche von ihnen, ein deutscher Psychotherapeut
könne sie nicht verstehen, oder glauben, sich vor Scham einem
Deutschen nicht anvertrauen zu können. Deutsche Psychotherapeuten
empfinden deutsch-türkische therapeutische Beziehungen als »irgendwie anders« und haben Schwierigkeiten, das »Andere« psychoanalytisch zu beschreiben.
Manche in der deutschen Gesellschaft gut integrierte türkischstämmige
Patienten scheinen sich ihres religiös-kulturellen Hintergrundes
selbst nicht bewußt zu sein oder ihn zu verleugnen. Die kulturelle
Fremdheit in der Übertragung und die durch diese Fremdheit ausgelöste Unsicherheit in der Gegenübertragung können aber zu Fallstricken in der psychotherapeutischen Behandlung werden, z. B. indem der türkischstämmige Patient in der deutsch-türkischen therapeutischen Beziehung ein »deutsches Selbst« ausbildet (in Anlehnung an Winnicotts »falsches Selbst« [Winnicott196SJ), das ohne Anschluß an die »türkischen Anteile« der Selbstrepräsentanz eine migrationsbedingte Identitätsspaltung aufrechterhält (Akhtar 1995),oder indem die Fremdheit des Patienten vom Therapeuten als psychische Fixierung, Persönlichkeitsstörung oder Behandlungswiderstand mißverstanden wird.
Kulturelle Unterschiede und ihr Einfluß auf die psychoanalytische
Entwicklungstheorie sind in der Psychoanalyse von Anfang an diskutiert
worden. Bekannt ist die Kontroverse zwischen Jones und Malinowski
über die Universalität des Ödipuskomplexes in den 1920er Jahrcn
(vgl. Parsons 1969). Die unterschiedlichen »Lager« der Anhänger verschiedener Theorien mit gegenseitigen Vorwürfen des Psychozentrismus oder der Theorieverflachung haben sich bis heute gehalten. Während das »Andere« in psychoanalytischen Arbeiten z. B. als das eigene Unbewußte (Kristeva 1988) oder als »das Dritte« beschrieben wurde (vgl. Seidler 1994), ist die Beschäftigung mit dem Anderen in der Bedeutung des kulturell Fremden im wesentlichen der Ethnopsychoanalyse vorbehalten geblieben. Diese hat ihre Beobachtungen, die sie meist vonentlegenen Ländern mitbrachte, aus der Position des Forschers, der seinem Informanten gegenübersteht, beschrieben (Erdheim 1982,S,XIII).
Die Öffnung der europäischen Grenzen und die allgemeine Globalisierung mit dem ständigen Austausch von Arbeitskräften scheinen inzwischen die Beschäftigung mit dem kulturell Fremden auch in der allgemeinen psychoanalytischen Praxis notwendig zu machen, weil immer mehr kulturell Fremde therapeutische Hilfe suchen. Der Psychoanalytiker benötigt Hintergrundwissen über die fremde Kultur, um sich in soziokulturell fremde individuelle und kollektive Erfahrungen einfühlen zu können. Nur so scheint es möglich, kulturell fremde Persönlichkeitszüge nicht zu pathologisieren und neuere Konzepte wie z. B. die »Ineinanderrückung der Generationen« auch in transkulturellen Behandlungen anzuwenden (vgl.Faimberg 1987).
Orhan Pamuk, der in vielen seiner Bücher die Rolle der Türkei zwischen
dem Osten und dem Westen oder, nach seiner bevorzugten
Formulierung, »zwischen Tradition und Moderne« behandelt, läßt in Das
schwarze Buch einen westlich-modernen Journalisten auf den Sohn eines osmanischen Puppenmachers treffen, der die Geschichte seines Vaters »Meister Bedii« erzählt (Pamuk 1991,S. 69):
Zu Zeiten des Sultans Abdülhamit habe Meister Bedii Puppen für das Marinemuseum angefertigt, die von den Besuchern für ihre Echtheit bewundert wurden. Nur der Scheichülislam, der oberste islamische Richter, habe gezürnt, wer Allahs Geschöpfe so vollkommen nachahme, wolle sich offensichtlich mit ihm messen, und habe sie entfernen lassen. Meister Bedii aber habe seine Kunst weitergeführt und die Menschen auf der Straße beobachtet, um seinen Puppen deren »Gesten«
einzuarbeiten. »In den ersten Jahren der türkischen Republik [...],als die Herren, ihren Fez abnahmen und Panamahüte aufsetzten und die Damen sich ihrer Carsaf-Hülle entledigten und ihre Füße in hochhackige Schuhe steckten«, habe er sie berühmten Bekleidungsgeschäften für ihre Schaufenster angeboten. Doch auch, da sei er abgewiesen worden: »Der Käufer«, habe ein Ladenbesitzer gesagt, »will keinen der Mäntel, die er tagtäglich auf der Straße von Zehntausenden seiner
schnurrbärtigen, krummbeinigen, dunkelhäutigen und hageren
Landsleute getragen sieht, sondern er möchte ein feines Jackett
anziehen, das einer der neuen und schönen, aus einem fernen und fremden Land kommenden Menschen trägt, damit er glauben kann, er habe mit dem Jackett auch sich selbst geändert und sei nun fähig, ein anderer zu sein.« Ein anderer habe nicht »diese echten Türken«
ausstellen wollt'n, weil die Türken nicht mehr, Türken sein wollten, sondern etwas anderes. Eigentlich, habe er gesagt, kauften seine Kunden keine Kleider, sondern die Traumvorstellung, so sein zu können wie die anderen, die diese neuen Kleider trugen.
Pamuk stammt aus einer westlichorientierten Istanbuler Mittelschichtfamilie,die zu einer türkischen Elite gehörte, die sich als »europäisch« definierte lind sich eher mit dem Westen als mit der islamisch-osmanischen Herkunft identifizierte. In »Heimische Kuchen in fremden Küchen « schreibt er Über seine Lesungen in Deutschland, zu denen er Mitte der 1980erJahrevon politischen Emigranten eingeladen wurde, die vor den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Türkei geflohen waren. Die Diskussion an solchen Abenden habe immer in das Thema der Identitätsproblematik gemündet, was ihn traurig gestimmt habe, weil er lieber über die Literatur sprechen wollte:
»Daß aber mein Land das eigentliche Thema war, während ich so tat, als sei es die Literatur, begriff ich erst viel später. Die Literatur, dieBücher waren nur ein Weg, um über das Ungewisse der Identität [...] zu reden oder zu schweigen«. Er, der kein Deutsch-Türke, sondern
lediglich ein Türke« sei, habe einsam »die im Raum herrschende Mutlosigkeit und Bitternis« empfunden und begonnen, »am Sinn des Lebens zu zweifeln« (2006, S. 17).
Kulturelle Identität zwischen islamischer Tradition und westlicher
Moderne
Die in der Migration aufkommende Frage der kulturellen Identität erklärt
Schiffauer (2002) damit, dag die diskriminierende Fremdzuschreibung
des Einheimischen den Zuwanderer zum reflexiven Blick auf sich
selbst und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur zwinge. Im
Blick der Deutschen hätten sich die Türken kollektiv als »Türken« klassifiziert und damit in eine »gemeinsame Haftung gezwungen gesehen«im Verhältnis zu anderen Türken, von denen sie sich in der Türkei abgesetzt hätten. Die erste Generation der Gastarbeiter habe ihre kulturelleIdentität zwischen den Polen »Abwehr/Bestreiten der Differenz« und »Akzeptieren der Differenz« ausgebildet. Die Angst vor der Entfremdung von den eigenen Kindern habe dabei die Sorge um die eigene Kulturhervorgerufen.
Die zweite Generation sei deswegen von den Eltern mißtrauisch auf ihr
»Verdeutschen«hin beobachtet worden. Dies sei dadurch zum Problem
geworden, daß die Kinder von deutscher Seite mit spiegelbildlichen Stereotypenbetrachtet wurden. Die islamischen Elternhäuser hätten als
»Hort des Patriarchalismus, der Frauenfeindlichkeit und der häuslichen
Gewalt“ gegolten. So habe die zweite Generation unter dem doppelten
Anerkennungsproblem gelitten, dass zu Hause das Misstrauen herrschte,ob die Kinder »schon« Deutsche seien, in der Schule dagegen, ob sie»noch« Türken waren.
Die Kinder hätten zwischen der Verteidigung der deutschen Kultur zu Hause und der türkischen Kultur in der Schule oszilliertund versucht, die kulturellen Identifikationen und Festschreibungen zurückzuweisen. In einer »lndividuierung aus der Negation« hättensie eher ausgedrückt, was sie nicht seien, als was sie seien, und hätten jedepositive Zuschreibung als unzumutbare Festlegung empfunden. Sowohl die Zuschreibung einer kulturellen Identität ("Wie ist das bei euch Türken?«) als auch deren Absprechen (»Du bist doch schon kein Türke mehr!") habe gewaltsam gewirkt »wie ein ungeduldiges Auflösen von Widersprüchen, die zwar nicht angenehm sind, aber ausgehalten werden müssen, weil die Alternative nur die Verdrängung und Abspaltung des einen oder anderen Teils wäre« (Schiffauer 2002, S. 5).
Frau H., die 17jährig mit immensem Druck von ihren Eltern verheiratet worden war, nachdem diese gemerkt hatten, daß sie einen deutschen Freund hatte, ließ sich zwei Jahre später scheiden und schloß sich der autonomen Szene an. In einer depressiven Reaktion nach einem Schwangerschaftsabbruch nahm sie eine Psychotherpie auf, in der ihr die deutsche Therapeutin spiegelte, daß sie sie als »nicht authentisch «erlebte. Frau H: konnte nicht nachvollziehen, was gemeint war und empfand dies als Vorwurf. Sie begann Drogen zu nehmen und wechselte auf Rat ihrer Therapeutin in eine Gruppentherapie. Dort bezeichneten die Mitpatientinnen ihre Eheschließung als »Vergewaltigung«und bedrängten sie, »es doch zuzugeben«.
Die Wiederholung, daß sie »nicht authentisch« sei, erlebte Frau H. in der Gruppe als Beschimpfung und körperlich »wie Schläge“. Sie brach die Therapie ab und wurde zu mir überwiesen, was sie als »Gettoisierung« bezeichnete.
Frau H. war fünfjährig mit ihrer Mutter dem Vater nach Deutschland gefolgt, wo sie in einer Arbeitersiedlung untertürkischen Kindern aufwuchs. In ihrer fortschreitenden Schulbildung ließ sie die türkischen Kinder hinter sich, fand aber, je älter sie wurde, immer weniger Kontakt zu deutschen Jugendlichen, weil sie wegen der Verbote ihrer Eltern nicht mit diesen mithalten konnte. In der 12. Klasse verheiratet, hatte sie kaum noch soziale Kontakte.
Nach der Scheidung nahm sie sich vor, am Studienort ein neues Leben zu beginnen. Wie sich im Therapieverlauf herausstellte, waren schon Frau H.s Großeltern aus dem Osten in die Türkei migriert, wo der Großvater jung verstarb. Die Großmutter hatte in bitterer Armut ihre einzige Tochter von vier Kindern, Frau H.s Mutter, einem reichen Ehepaar zur Adoption gegeben. Frau H. wußte aus Erzählungen, daß ihre Mutter »sechs Monate geschrieen" hat, bis sie zurückgebracht wurde.
In jungem Alter habe die Mutter den ebenfalls mittellosen Vater, der der gleichen religiösen Minderheit angehörte, geheiratet und sei mit diesem nach Istanbul gezogen (Binnenmigration). Kur". darauf sei der Vater als Arbeiter nach Deutschland gegangen und habe die Mutter bei der Familie seines Bruders zurückgelassen (was diese als Wiederholung des Weggegeben-Werdens empfunden haben könnte).
Frau H´s .war von früher Kindheit an mit Schlägen aufgewachsen. Noch in der Türkei hatte die Mutter sie als hässlich beschimpft und geschlagen,wenn sie nicht gehorchte; der Onkel hatte sie verprügelt, wenn er die Erziehung der Mutter für unzureichend hielt; der Vater hatte sie im Urlaub mit Ohrfeigen begrüßt, um deutlich zumachen, daß er von ihren Vergehen wußte.
Die Beziehung zur Mutter hatte Frau H. nie als verlässlich erlebt. Wenn sie zärtlich auf die Mutter zugegangen sei, habe diese sie weggestoßen, habe sie aber »plötzlich überfallen« und geküßt, wenn sie ihr eigenes Bedürfnis nach Zärtlichkeit stillen wollte.
Frau H.s Mutter hatte nach dem Umzug nach Deutschland den Kontakt zur Großmutter abgebrochen, was sie mit ihrem Haß aufgrund ihrer Lebensgeschichte erklärte.
Mit dieser Erklärung schien sie Schuldgefühle aufgrund der Trennung
zu vermeiden und depressive Gefühle abzuwehren. Frau H. selbst bewunderte ihre Großmutter, die sie für eine»Kämpferin« hielt. Ihrer Mutter warf sie vor, sie den traditionellen Vorstellungen der väterlichen Großfamilie ausgeliefert zu haben, wofür sie sich gleichzeitig schuldig fühlte, weil sie wußte, daß auch ihre Mutter sich der religiös-kulturellen Tradition, die als höhere Macht galt, nicht widersetzen konnte.
Die Ambivalenz ihrer Beziehung entstand aus der Wut auf die Mutter, diesie »nie geschützt" hätte, und aus den Schuldgefühlen, die vom Schicksal der Mutter herrührten: die Armut, in der diese aufgewachsen war, aber auch das Los, als Mädchen geboren zu sein, das sie mit der Mutter teilte. Frau H. war vollkommen mit den Vorwürfen ihrer Mutter identifiziert und hielt sich für häßlich. Sie versuchte sich von den Eltern abzugrenzen, in dem sie sich als »deutsch« definierte und nicht an ihre türkische Herkunft erinnert werden wollte. Gleichzeitig litt sie unter der Trennung von ihrer Familie, die sie als Verlust erlebte.
Fortsetzung folgt........
Quelle: Zeitschrift der Psychoanalyse und ihre Anwendungen.
LXI. Jahrgang, Hefft 11, November 2007
»Irgendwie anders« - Über Schwierigkeiten in deutsch-türkischen Psychoanalysen*
Übersicht:
Die Schwierigkeit, häufig nur subtil wahrgenommene
Besonderheiten in der Beziehung deutsche/r Analytiker/in und türkische/r Analysand/in psychoanalytisch zu beschreiben, scheint sich aus der kulturellen Einbettung der psychoanalytischen Theoriebildung in der jüdisch-christlichen Tradition zu erklären.
In der psychotherapeutischen Behandlung der zweiten Migrantengeneration muß nicht nur die Problematik
der kulturellen Identität zwischen Herkunftskultur und umgebender Kultur beachtet, sondern auch Verständnis für transgenerationell wirksame Konflikt der Elterngeneration zwischen islamischer Tradition und westlicher Moderne aufgebracht werden. Anhand dreier Fallvignetten wird die Bedeutung der Wechsclwirkungen von historischer Entwicklung, sozioökonomischen Bedingungen, sozialer Organisation, normativen Werten und der Persönlichkeitsentwicklung der in der Migration
aufwachsenden Generation herausgearbeitet. Die psychoanalytische Theorie mit ihrem anderen kulturellen Hintergrund wird dabei nicht als unzureichend, sondern als notwendige »Achse«angesehen, an der sich die kulturellen Unterschiede beschreiben lassen.
Schlüsselwörter:Migration,
Islam, kulturelle Identität, psychosexuelle Entwicklung, männliche Beschneidung
Während in den letzten Jahren das Interesse für psychoanalytische Therapie
allgemein abnahm, hat die Anzahl von Migranten in psychoanalytischen
Praxen zugenommen. Darunter sind viele türkischstämmige Patienten,
vor allem junge Frauen, die meist in Deutschland geboren oder
aufgewachsen sind und die deutsche Sprache wie ihre Muttersprache beherrschen.
Dennoch fürchten manche von ihnen, ein deutscher Psychotherapeut
könne sie nicht verstehen, oder glauben, sich vor Scham einem
Deutschen nicht anvertrauen zu können. Deutsche Psychotherapeuten
empfinden deutsch-türkische therapeutische Beziehungen als »irgendwie anders« und haben Schwierigkeiten, das »Andere« psychoanalytisch zu beschreiben.
Manche in der deutschen Gesellschaft gut integrierte türkischstämmige
Patienten scheinen sich ihres religiös-kulturellen Hintergrundes
selbst nicht bewußt zu sein oder ihn zu verleugnen. Die kulturelle
Fremdheit in der Übertragung und die durch diese Fremdheit ausgelöste Unsicherheit in der Gegenübertragung können aber zu Fallstricken in der psychotherapeutischen Behandlung werden, z. B. indem der türkischstämmige Patient in der deutsch-türkischen therapeutischen Beziehung ein »deutsches Selbst« ausbildet (in Anlehnung an Winnicotts »falsches Selbst« [Winnicott196SJ), das ohne Anschluß an die »türkischen Anteile« der Selbstrepräsentanz eine migrationsbedingte Identitätsspaltung aufrechterhält (Akhtar 1995),oder indem die Fremdheit des Patienten vom Therapeuten als psychische Fixierung, Persönlichkeitsstörung oder Behandlungswiderstand mißverstanden wird.
Kulturelle Unterschiede und ihr Einfluß auf die psychoanalytische
Entwicklungstheorie sind in der Psychoanalyse von Anfang an diskutiert
worden. Bekannt ist die Kontroverse zwischen Jones und Malinowski
über die Universalität des Ödipuskomplexes in den 1920er Jahrcn
(vgl. Parsons 1969). Die unterschiedlichen »Lager« der Anhänger verschiedener Theorien mit gegenseitigen Vorwürfen des Psychozentrismus oder der Theorieverflachung haben sich bis heute gehalten. Während das »Andere« in psychoanalytischen Arbeiten z. B. als das eigene Unbewußte (Kristeva 1988) oder als »das Dritte« beschrieben wurde (vgl. Seidler 1994), ist die Beschäftigung mit dem Anderen in der Bedeutung des kulturell Fremden im wesentlichen der Ethnopsychoanalyse vorbehalten geblieben. Diese hat ihre Beobachtungen, die sie meist vonentlegenen Ländern mitbrachte, aus der Position des Forschers, der seinem Informanten gegenübersteht, beschrieben (Erdheim 1982,S,XIII).
Die Öffnung der europäischen Grenzen und die allgemeine Globalisierung mit dem ständigen Austausch von Arbeitskräften scheinen inzwischen die Beschäftigung mit dem kulturell Fremden auch in der allgemeinen psychoanalytischen Praxis notwendig zu machen, weil immer mehr kulturell Fremde therapeutische Hilfe suchen. Der Psychoanalytiker benötigt Hintergrundwissen über die fremde Kultur, um sich in soziokulturell fremde individuelle und kollektive Erfahrungen einfühlen zu können. Nur so scheint es möglich, kulturell fremde Persönlichkeitszüge nicht zu pathologisieren und neuere Konzepte wie z. B. die »Ineinanderrückung der Generationen« auch in transkulturellen Behandlungen anzuwenden (vgl.Faimberg 1987).
Orhan Pamuk, der in vielen seiner Bücher die Rolle der Türkei zwischen
dem Osten und dem Westen oder, nach seiner bevorzugten
Formulierung, »zwischen Tradition und Moderne« behandelt, läßt in Das
schwarze Buch einen westlich-modernen Journalisten auf den Sohn eines osmanischen Puppenmachers treffen, der die Geschichte seines Vaters »Meister Bedii« erzählt (Pamuk 1991,S. 69):
Zu Zeiten des Sultans Abdülhamit habe Meister Bedii Puppen für das Marinemuseum angefertigt, die von den Besuchern für ihre Echtheit bewundert wurden. Nur der Scheichülislam, der oberste islamische Richter, habe gezürnt, wer Allahs Geschöpfe so vollkommen nachahme, wolle sich offensichtlich mit ihm messen, und habe sie entfernen lassen. Meister Bedii aber habe seine Kunst weitergeführt und die Menschen auf der Straße beobachtet, um seinen Puppen deren »Gesten«
einzuarbeiten. »In den ersten Jahren der türkischen Republik [...],als die Herren, ihren Fez abnahmen und Panamahüte aufsetzten und die Damen sich ihrer Carsaf-Hülle entledigten und ihre Füße in hochhackige Schuhe steckten«, habe er sie berühmten Bekleidungsgeschäften für ihre Schaufenster angeboten. Doch auch, da sei er abgewiesen worden: »Der Käufer«, habe ein Ladenbesitzer gesagt, »will keinen der Mäntel, die er tagtäglich auf der Straße von Zehntausenden seiner
schnurrbärtigen, krummbeinigen, dunkelhäutigen und hageren
Landsleute getragen sieht, sondern er möchte ein feines Jackett
anziehen, das einer der neuen und schönen, aus einem fernen und fremden Land kommenden Menschen trägt, damit er glauben kann, er habe mit dem Jackett auch sich selbst geändert und sei nun fähig, ein anderer zu sein.« Ein anderer habe nicht »diese echten Türken«
ausstellen wollt'n, weil die Türken nicht mehr, Türken sein wollten, sondern etwas anderes. Eigentlich, habe er gesagt, kauften seine Kunden keine Kleider, sondern die Traumvorstellung, so sein zu können wie die anderen, die diese neuen Kleider trugen.
Pamuk stammt aus einer westlichorientierten Istanbuler Mittelschichtfamilie,die zu einer türkischen Elite gehörte, die sich als »europäisch« definierte lind sich eher mit dem Westen als mit der islamisch-osmanischen Herkunft identifizierte. In »Heimische Kuchen in fremden Küchen « schreibt er Über seine Lesungen in Deutschland, zu denen er Mitte der 1980erJahrevon politischen Emigranten eingeladen wurde, die vor den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Türkei geflohen waren. Die Diskussion an solchen Abenden habe immer in das Thema der Identitätsproblematik gemündet, was ihn traurig gestimmt habe, weil er lieber über die Literatur sprechen wollte:
»Daß aber mein Land das eigentliche Thema war, während ich so tat, als sei es die Literatur, begriff ich erst viel später. Die Literatur, dieBücher waren nur ein Weg, um über das Ungewisse der Identität [...] zu reden oder zu schweigen«. Er, der kein Deutsch-Türke, sondern
lediglich ein Türke« sei, habe einsam »die im Raum herrschende Mutlosigkeit und Bitternis« empfunden und begonnen, »am Sinn des Lebens zu zweifeln« (2006, S. 17).
Kulturelle Identität zwischen islamischer Tradition und westlicher
Moderne
Die in der Migration aufkommende Frage der kulturellen Identität erklärt
Schiffauer (2002) damit, dag die diskriminierende Fremdzuschreibung
des Einheimischen den Zuwanderer zum reflexiven Blick auf sich
selbst und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur zwinge. Im
Blick der Deutschen hätten sich die Türken kollektiv als »Türken« klassifiziert und damit in eine »gemeinsame Haftung gezwungen gesehen«im Verhältnis zu anderen Türken, von denen sie sich in der Türkei abgesetzt hätten. Die erste Generation der Gastarbeiter habe ihre kulturelleIdentität zwischen den Polen »Abwehr/Bestreiten der Differenz« und »Akzeptieren der Differenz« ausgebildet. Die Angst vor der Entfremdung von den eigenen Kindern habe dabei die Sorge um die eigene Kulturhervorgerufen.
Die zweite Generation sei deswegen von den Eltern mißtrauisch auf ihr
»Verdeutschen«hin beobachtet worden. Dies sei dadurch zum Problem
geworden, daß die Kinder von deutscher Seite mit spiegelbildlichen Stereotypenbetrachtet wurden. Die islamischen Elternhäuser hätten als
»Hort des Patriarchalismus, der Frauenfeindlichkeit und der häuslichen
Gewalt“ gegolten. So habe die zweite Generation unter dem doppelten
Anerkennungsproblem gelitten, dass zu Hause das Misstrauen herrschte,ob die Kinder »schon« Deutsche seien, in der Schule dagegen, ob sie»noch« Türken waren.
Die Kinder hätten zwischen der Verteidigung der deutschen Kultur zu Hause und der türkischen Kultur in der Schule oszilliertund versucht, die kulturellen Identifikationen und Festschreibungen zurückzuweisen. In einer »lndividuierung aus der Negation« hättensie eher ausgedrückt, was sie nicht seien, als was sie seien, und hätten jedepositive Zuschreibung als unzumutbare Festlegung empfunden. Sowohl die Zuschreibung einer kulturellen Identität ("Wie ist das bei euch Türken?«) als auch deren Absprechen (»Du bist doch schon kein Türke mehr!") habe gewaltsam gewirkt »wie ein ungeduldiges Auflösen von Widersprüchen, die zwar nicht angenehm sind, aber ausgehalten werden müssen, weil die Alternative nur die Verdrängung und Abspaltung des einen oder anderen Teils wäre« (Schiffauer 2002, S. 5).
Frau H., die 17jährig mit immensem Druck von ihren Eltern verheiratet worden war, nachdem diese gemerkt hatten, daß sie einen deutschen Freund hatte, ließ sich zwei Jahre später scheiden und schloß sich der autonomen Szene an. In einer depressiven Reaktion nach einem Schwangerschaftsabbruch nahm sie eine Psychotherpie auf, in der ihr die deutsche Therapeutin spiegelte, daß sie sie als »nicht authentisch «erlebte. Frau H: konnte nicht nachvollziehen, was gemeint war und empfand dies als Vorwurf. Sie begann Drogen zu nehmen und wechselte auf Rat ihrer Therapeutin in eine Gruppentherapie. Dort bezeichneten die Mitpatientinnen ihre Eheschließung als »Vergewaltigung«und bedrängten sie, »es doch zuzugeben«.
Die Wiederholung, daß sie »nicht authentisch« sei, erlebte Frau H. in der Gruppe als Beschimpfung und körperlich »wie Schläge“. Sie brach die Therapie ab und wurde zu mir überwiesen, was sie als »Gettoisierung« bezeichnete.
Frau H. war fünfjährig mit ihrer Mutter dem Vater nach Deutschland gefolgt, wo sie in einer Arbeitersiedlung untertürkischen Kindern aufwuchs. In ihrer fortschreitenden Schulbildung ließ sie die türkischen Kinder hinter sich, fand aber, je älter sie wurde, immer weniger Kontakt zu deutschen Jugendlichen, weil sie wegen der Verbote ihrer Eltern nicht mit diesen mithalten konnte. In der 12. Klasse verheiratet, hatte sie kaum noch soziale Kontakte.
Nach der Scheidung nahm sie sich vor, am Studienort ein neues Leben zu beginnen. Wie sich im Therapieverlauf herausstellte, waren schon Frau H.s Großeltern aus dem Osten in die Türkei migriert, wo der Großvater jung verstarb. Die Großmutter hatte in bitterer Armut ihre einzige Tochter von vier Kindern, Frau H.s Mutter, einem reichen Ehepaar zur Adoption gegeben. Frau H. wußte aus Erzählungen, daß ihre Mutter »sechs Monate geschrieen" hat, bis sie zurückgebracht wurde.
In jungem Alter habe die Mutter den ebenfalls mittellosen Vater, der der gleichen religiösen Minderheit angehörte, geheiratet und sei mit diesem nach Istanbul gezogen (Binnenmigration). Kur". darauf sei der Vater als Arbeiter nach Deutschland gegangen und habe die Mutter bei der Familie seines Bruders zurückgelassen (was diese als Wiederholung des Weggegeben-Werdens empfunden haben könnte).
Frau H´s .war von früher Kindheit an mit Schlägen aufgewachsen. Noch in der Türkei hatte die Mutter sie als hässlich beschimpft und geschlagen,wenn sie nicht gehorchte; der Onkel hatte sie verprügelt, wenn er die Erziehung der Mutter für unzureichend hielt; der Vater hatte sie im Urlaub mit Ohrfeigen begrüßt, um deutlich zumachen, daß er von ihren Vergehen wußte.
Die Beziehung zur Mutter hatte Frau H. nie als verlässlich erlebt. Wenn sie zärtlich auf die Mutter zugegangen sei, habe diese sie weggestoßen, habe sie aber »plötzlich überfallen« und geküßt, wenn sie ihr eigenes Bedürfnis nach Zärtlichkeit stillen wollte.
Frau H.s Mutter hatte nach dem Umzug nach Deutschland den Kontakt zur Großmutter abgebrochen, was sie mit ihrem Haß aufgrund ihrer Lebensgeschichte erklärte.
Mit dieser Erklärung schien sie Schuldgefühle aufgrund der Trennung
zu vermeiden und depressive Gefühle abzuwehren. Frau H. selbst bewunderte ihre Großmutter, die sie für eine»Kämpferin« hielt. Ihrer Mutter warf sie vor, sie den traditionellen Vorstellungen der väterlichen Großfamilie ausgeliefert zu haben, wofür sie sich gleichzeitig schuldig fühlte, weil sie wußte, daß auch ihre Mutter sich der religiös-kulturellen Tradition, die als höhere Macht galt, nicht widersetzen konnte.
Die Ambivalenz ihrer Beziehung entstand aus der Wut auf die Mutter, diesie »nie geschützt" hätte, und aus den Schuldgefühlen, die vom Schicksal der Mutter herrührten: die Armut, in der diese aufgewachsen war, aber auch das Los, als Mädchen geboren zu sein, das sie mit der Mutter teilte. Frau H. war vollkommen mit den Vorwürfen ihrer Mutter identifiziert und hielt sich für häßlich. Sie versuchte sich von den Eltern abzugrenzen, in dem sie sich als »deutsch« definierte und nicht an ihre türkische Herkunft erinnert werden wollte. Gleichzeitig litt sie unter der Trennung von ihrer Familie, die sie als Verlust erlebte.
Fortsetzung folgt........