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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Abgrenzung gegenüber den Patienten



Peter Münch
02.03.2008, 14:37
Hallo

In meiner Arbeit trage ich zwar keine besondere Kleidung, weil ich Sozialpädagoge bin, kann aber gut verstehen, dass man zumindest zeitweise Wert darauf legt die Grenzen klar zu ziehen. Ich bin da selbst immer wieder am schwanken zwischen einer gewissen Angst vor zuviel Nähe und dem Wunsch den Hilfesuchenden offen und menschlich zu begegnen.

Da ich selbst vor einigen Jahren in der Situation des Patienten war, ich hatte einen Bandscheibenvorfall und parallel eine Erschöpfungsdepression, habe ich erlebt wie viel es ausmacht, wenn man von Menschen freundlich behandelt wird. Es ging mir gar nicht um Hilfe, weil beides einfach Zeit braucht, aber zumindest ernst und angenommen zu werden, hat bei mir sehr viel bewirkt. Von dieser Erfahrung her habe ich mir vorgenommen, wenn ich auch oft nichts weiter tun als freundlich zu sein und menschlich offen zu bleiben, dann möchte ich das tun. Es ist einfach ein Scheißgefühl, wenn man ganz auf die anderen Menschen, auf der anderen Seite der Theke angewiesen ist. Ich glaube das mir das auch größtenteils gelingt, aber manchmal habe ich doch das berechtigte Bedürfnis nach Distanz und Abgrenzung.

Insofern ist es nicht immer so einfach den richtigen Weg zu finden. Prinzipien sind das eine, solche Wege zu gehen und zu leben ist das andere.

Peter Münch

Duria
04.03.2008, 17:14
Hallo Peter,

ich habe mir erlaubt, Deinen Beitrag zu verschieben, da ich denke, dass dies ein durchaus disskussionswürdiges eigenes Thema ist. Hoffe es kommen noch mehr Wortmeldungen zu diesem Bereich.

Gerade in der psychiatrischen Arbeit ist die professionelle Abgrenzung ein wichtiges Thema - damit verknüpft auch Themen wie Burn -Out, Hilflosigkeit im Umgang mit bestimmten Patienten oder bestimmten Situationen, Psychohygiene u.ä.

LG Duria

Peter Münch
05.03.2008, 08:18
Hallo Duria

Danke für die Mitteilung und für das Verschieben meines Beitrages. Ich denke auch das es ein wichtiges Thema ist, vor allem weil man an keinem Punkt seiner Berufstätigkeit damit fertig wird, sondern immer wieder neu die eigene Balance finden muss. Insofern halte ich von Prinzipien nur bedingt etwas, denn ich kann Prinzipien wohl denken und im Kopf bewegen und sie richtig oder falsch finden, aber leben muss ich das was eben geht und das ist oft etwas anderes als das was die Prinzipien meinen.

Herzliche Grüße

Peter

Duria
05.03.2008, 19:32
In meiner Arbeit trage ich zwar keine besondere Kleidung, weil ich Sozialpädagoge bin, kann aber gut verstehen, dass man zumindest zeitweise Wert darauf legt die Grenzen klar zu ziehen. Ich bin da selbst immer wieder am schwanken zwischen einer gewissen Angst vor zuviel Nähe und dem Wunsch den Hilfesuchenden offen und menschlich zu begegnen.

Hallo Peter,

ich denke, es ist grundsätzlich wichtig eindeutige Grenzen zu ziehen. Und hier meine ich professionelle Grenzen. Diese Grenze hat meines Erachtens überhaupt nichts mit Dienst - oder Zivilkleidung zu tun, sondern mit meiner Rolle als (in meinem Fall) Pflegender.
Nähe - Distanz ist gerade innerhalb der psychiatrischen Arbeit ein schwieriges Feld.
Wieviel Nähe/ Distanz ist für den Patienten notwendig und welche Grenzen brauche ich als personales Gegenüber?

Mir gehen manche Lebensgeschichten und Schicksale von Patienten auch sehr nahe, aber um professionell handeln zu können, muss ich sowohl in der Lage sein, die jeweilige Situation mit genügend Abstand betrachten zu können - als auch die nötige Empathie aufzubringen um eine tragfähige Beziehung herzustellen.
Um hier die richtige Ballance aufrecht zu erhalten, ist es für mich wichtig, einen entsprechenden "Gegenpol" zu haben.
Zum Teil auch mit "Prinzipien" wie: wenn ich nach meinem Dienst das Klinikgelände verlasse, den "Dienstmodus" mental ab - und den "Privatmodus" einzuschalten ...
Das gelingt natürlich nicht immer so einfach.

In der Arbeit mit psychisch kranken Menschen halte ich auch wenig von rigiden Prinzipien. Eine gewisse Struktur ist schon wichtig, aber ich denke es müssen auch immer individuelle und kreative Lösungen/ Wege für bestimmte Probleme möglich sein. Diese scheitern jedoch leider manchmal an den Grenzen einer Institution, bzw. an der Rigidität mancher Behandlungsteams oder Teammitglieder ... und auch hier gilt es wieder die Ballance hinzubekommen, immer wieder Dinge anzusprechen, die geändert werden müssen - aber auch zu akzeptieren, dass manche Dinge sich nicht so schnell ändern lassen, wie man es gerne hätte...


LG Duria

Peter Münch
06.03.2008, 17:02
Hallo Duria

Ich denke wir wissen beide wovon wir reden, dass gehört zur Professionalität ohne die man in einem solchen Beruf nicht überleben könnte, dass sehe ich auch so. Es ist mir auch nicht möglich mir alles nahe kommen zu lassen was ich jeden Tag höre und erlebe, das ist aus purem Selbstschutz schon nicht drin, aber ich mache die Arbeit jetzt seit 20 Jahren und würde rückblickend sagen, dass ich verschiedene Phasen durchlaufen habe. Anfangs war ich sehr viel persönlich beteiligt, habe aber dann nach ein paar Jahren gemerkt, dass mir das zu schaffen macht und ich innerlich nicht mehr genügen Luft zum atmen hatte.

Nach dieser Phase, die mit einem erheblichen persönlichen Krise geendet hat, habe ich einen Schwenk vollzogen und habe emotional dicht gemacht und habe die Arbeit und die dortigen Beziehungen auf der Sachebene abgehandelt. Die Sache stand im Vordergrund und nicht ich oder der andere. Das war sehr gut und ich habe mir wirklich Distanz verschafft, habe dann auch privat bewusste Gegenpole gesetzt zu meiner Arbeit und kam damit auch lange Zeit ganz gut zurecht.

Dann hatte ich, weil ich keinen Zugang mehr zu meinen eigenen Emotionen hatte und alles auf der Sachebene abhandeln musste, den Bandscheibenvorfall und parallel die Erschöpfungsdepression. Aufgrund der Bandscheibe habe ich lange gelegen, hatte eine ambulante Reha und viel Zeit zum nachdenken und ausruhen. Es hat etwa ein Jahre gedauert bis mein Rücken wieder in Ordnung war und einige Jahre bis ich durch die Erschöpfungsdepression durch war. Seither gehe ich noch einmal anders damit um! Ich bin meinen eigenen Gefühlen, Ängsten, Abgründen und Schatten gegenüber nicht mehr so ängstlich, sondern schaffe es ein bisschen besser, sie anzuschauen ohne ihnen zu verfallen oder in Angst zu vergehen. Und weil ich weiß wie ich bin und wer ich bin, mitsamt meinen Schatten, halte ich auch die Menschen besser aus...

Ich denke ich bin immer noch Profi und dass muss ich sein. Ich lebe keine persönlichen Beziehungen zu meinen Klienten, aber ich sehe Menschen in Ihnen, nicht allein Klienten. Das ist sicher nur eine Nuance anders und rein äußerlich mag sich das kaum unterscheiden, aber, die Menschen spüren es. Und da ich lange genug im Geschäft bin und viel erlebt habe, gehe ich davon aus, dass auch das eine Phase ist, die irgendwann wieder abgelöst wird von einer anderen Phase, die andere Forderungen und Herausforderungen bereit halten wird.

Dazu kommt, dass muss ich dazu sagen, dass ich in einem guten Arbeitsklima arbeite. Ich habe Kollegen mit denen ich sehr offen reden kann und ich habe eine Einrichtungsleitung, die mir viel Freiraum lässt (ich arbeite in einer stationär Einrichtung der Wohnungslosenhilfe und betreue Männer die aufgrund langjährigen Alkoholkonsums dauerhafte psychische und/oder hirnorganische Schäden davon getragen haben. Oft weiß man nicht ob die psychische Erkrankung zum Alkohol geführt hat oder umgekehrt). Insofern geht es mir gut und ich kann, durch allerlei auf und ab, viel lernen.

Aber grundsätzlich bin ich auch davon überzeugt, dass es ohne professionelle Distanz nicht geht, sonst frisst einen das Elend auf und damit ist auch niemandem geholfen. Da ist es schon besser immer wieder einmal herzhaft zu lachen und die Situationskomik der Männer zu sehen, die zum Teil einfach originell sind, was sie wieder sympathisch macht...

Herzliche Grüße

Peter