marmotte
13.01.2009, 20:44
Hallo
so viele SchülerInnen gibt es ja glaube ich im Forum nicht, und ich habe überlegt, von Zeit zu Zeit darüber zu schreiben, was ich als Schülerin so erlebe im Stationsalltag. Vielleicht gibt es ja auch ein Feedback von den erfahrenen KollegInnen - ich würde mich freuen!
Seit Dezember bin ich auf der Neurologie.
Es ist mein zweiter Praxiseinsatz in der Somatik, das vorweg.
Und um ehrlich zu sein - es ist manchmal die Hölle.
Bislang konnte ich nicht verstehen, wenn Mitschüler aus der Psychiatrie Horrorstories erzählten aus der Somatik und sich nur nach der Psychiatrie zurücksehnten. Ich dachte immer: die übertreiben oder sind zu empfindlich, die verklären und sind zu verwöhnt.
Ohje....
Und nun habe ich selbst des öfteren mit Tränen in den Augen auf Station gestanden und gedacht, hoffentlich ist das alles nur ein böser Traum.
Mein erster Tag war im Spätdienst, ich allein mit einem Examinierten, 26 Patienten, davon die Hälfte komplette Pflegefälle. Ich stolperte so durch den Nachmittag, kein Ansprechpartner, denn der Kollege war immer beschäftigt und meinte "mach mal". Abends dann stellte er mich mit dem Wäschewagen, den ich mir mühsam zusammengepackt hatte (wußte ja nicht, wo die Sachen waren) in den Flur und sagte: Mach mal den Rundgang.
Ja, das machte ich dann, von Zimmer zu Zimmer, ohne große Ahnung, was ich denn nun genau tun sollte.
Nach einer Stunde tauchte der Kollege wieder auf (ich war allein in dieser Stunde auf Station...) und wies mich barsch zurecht, ich hätte alles falsch gemacht: keine Wundverbände, nicht ordentlich genug Zimmer aufgeräumt, Katheter geleert etc.
Zur Strafe mußte ich eine Stunde länger bleiben und alles nochmal machen.
In den folgenden Tagen bekam ich von diesem Kollegen und anderen auch zu hören, daß ich ja gar nix könnte, nix wüßte und auch nix kapieren würde.
Akten, Medikamente, PC und anderes wurde mir "bei Todesstrafe" verboten. Ebenso alles, was mit Infusionen, Perfusoren, Spritzen (Insulin oder Clexane) zusamenhing.
Ich durfte dagegen alle Schutzhosen wechseln, lagern und Essen und Trinken anreichen sowie als Mädchen für alles für alle Examinierten (bring, hol, tu...) dienen. Und das machte ich offensichtlich so gut, daß ich oft die ganze Station alleine bearbeiten durfte. Währenddessen saßen die Kollegen im Dienstzimmer, führten wichtige Gespräche (vor allen Dingen lästern), bespritzten sich mit Blasenspritzen, mußten sich natürlich umziehen gehen, bewarfen sich mit Kopfkissen und hatten offensichtlich jede Menge Spaß.
Unnötig zu erwähnen, daß mir diese Kollegen mindestens zehnmal pro Dienst sagten, ich sei eine absolute Null und völlig unfähig zu allem.
Ich habe versucht das Beste aus dieser Situation zu machen. Ich habe mich vorrangig um die Patienten gekümmert, und diese Arbeit liebe ich einfach. Mir war es egal, ob ich lagern oder Schutzhosen gewechselt habe, für mich war der Mensch dahinter wichtig. Und die Patienten haben mich geliebt :-)
Es gibt einige Momente, die ich nicht vergessen werde, und für diese hat sich alles gelohnt!
Eine Patientin kam nach einem schweren Schlaganfall zu uns, sie konnte sich nicht bewegen und nicht sprechen. Ihr Sohn erzählte mir, was für eine quirlige und lebenslustige Frau sie bis dahin gewesen sei. Und nun lag sie da im Bett, wehrlos, ausgeliefert und hilflos.
Oft habe ich sie gestreichelt, sie etwas massiert, ihr etwas erzählt.
Nach ein paar Tagen konnte sie sich wieder bewegen, und auch jeden Tag etwas deutlicher und mehr reden. Für die Kollegen wurde sie unangenehm, fordernd, lästig - sie wurde fortan fixiert.... und wenn sie versorgt werden mußte, wurde geschimpft und gelästert über die "ätzende Patientin", vor ihrem Bett. Es nutzte auch nix, daß ich mehrmals sagte, sie ist klar und versteht alles....
Ich war gerne bei ihr, hab sie gerne versorgt, und ich hab mich über jeden Fortschritt gefreut.
Dann sollte sie verlegt werden, und ich bereitete alles für den Transport vor. Eine Examinierte war dabei und überwachte mich. Dann verabschiedete ich mich von der Patientin - und diese nahm meine Hand, küßte sie, drückte sie an ihre Wange, lächelte und sagte "danke für alles". Ich war sprachlos - meine Kollegein aber auch ;-)
Später meinte sie zu mir: Igitt, ICH lasse mich NICHT von Patienten anfassen, das sei ja einfach nur albern von der Patientin gewesen, klarer Fall von Demenz.
Die Wochen vergingen, und immer wieder stellte ich fest, daß mir der Umgang mit Patienten nicht gefiel auf dieser Station.
Da war die Rede von "Müll, der jeden Tag auf die Station kommt", da wurde meine Bitte abgelehnt, mir Techniken zur Mobilisierung zu zeigen, weil man ja den Kontakt zu Patienten nicht möge, nicht angefasst werden möchte, also bleiben alle im Bett. Verwirrte waren alle "banane" und gehörten in die Psychiatrie.
Auch der Umgang unter den Kollegen gefiel mir nicht, jeder lästerte über jeden, alle waren doof und faul, und Schüler waren grundsätzlich sowieso das Doofste und Allerletzte.
Am schlimmsten fand ich für mich als Schüler, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Einige Kollegen befahlen mir, Infusionen an- oder abzuhängen, in den Akten zu dokumentieren und Medikamente zu stellen - wenn ich es tat, wurde ich vor versammelter Mannschaft im Dienstzimmer angeschrieen, was mir einfiele, ich könne doch sowieso nix usw usw.
Egal was und wie ich es machte - es war falsch.
Mehrmals habe ich bestimmte Kollegen gebeten, wenn sie mich kritisieren, dies bitte in einem angemessenen Ton und nicht mit Geschrei zu tun. Zwecklos.
Letzte Woche Freitag hab ich mir ein Herz genommen und zwei Kollegen um Hilfe gebeten, weil ich einfach nicht mehr konnte, die Situation war unerträglich geworden für mich. Seitdem ist es besser geworden. Mittlerweile darf ich "alles", werde zwar beaufsichtigt, aber das finde ich normal als Schüler. Und ich gehe wieder fast ohne Bauchgrummeln zum Dienst :-)
Hinzufügen möchte ich, daß wir insgesamt 6 Schüler und 4 Praktikanten waren, und allen ging es ähnlich wie mir.
Die meisten examinierten Kollegen waren um die 25 und genossen es sichtlich, auch in meinem Beisein über mich abzulästern und mich "klein zu kriegen", so à la was will die hier überhaupt, soll sich besser um ihre Kinder kümmern etc.
Nun, auch wenn ich ziemlich Federn gelassen habe auf dieser Station - ich habe die Arbeit und die mit den Patienten wirklich geliebt, ich habe viel gelernt, und wie gesagt, einige Momente haben mich sehr berührt.
Ich bin im Reinen mit mir, ich habe gute Arbeit geleistet.
Und - ich habe Menschen nicht im Bett liegen gelassen, ich habe keinen Dekubitus verursacht, ich habe keinen Patienten verwechselt - all das haben die Kollegen gemacht, zum Teil mit sehr üblen Folgen.....
So, es war mir ein Bedürfnis, dies aufzuschreiben.
Wer bis hierhin genug Geduld gehabt hat - danke ;-)
marmotte
so viele SchülerInnen gibt es ja glaube ich im Forum nicht, und ich habe überlegt, von Zeit zu Zeit darüber zu schreiben, was ich als Schülerin so erlebe im Stationsalltag. Vielleicht gibt es ja auch ein Feedback von den erfahrenen KollegInnen - ich würde mich freuen!
Seit Dezember bin ich auf der Neurologie.
Es ist mein zweiter Praxiseinsatz in der Somatik, das vorweg.
Und um ehrlich zu sein - es ist manchmal die Hölle.
Bislang konnte ich nicht verstehen, wenn Mitschüler aus der Psychiatrie Horrorstories erzählten aus der Somatik und sich nur nach der Psychiatrie zurücksehnten. Ich dachte immer: die übertreiben oder sind zu empfindlich, die verklären und sind zu verwöhnt.
Ohje....
Und nun habe ich selbst des öfteren mit Tränen in den Augen auf Station gestanden und gedacht, hoffentlich ist das alles nur ein böser Traum.
Mein erster Tag war im Spätdienst, ich allein mit einem Examinierten, 26 Patienten, davon die Hälfte komplette Pflegefälle. Ich stolperte so durch den Nachmittag, kein Ansprechpartner, denn der Kollege war immer beschäftigt und meinte "mach mal". Abends dann stellte er mich mit dem Wäschewagen, den ich mir mühsam zusammengepackt hatte (wußte ja nicht, wo die Sachen waren) in den Flur und sagte: Mach mal den Rundgang.
Ja, das machte ich dann, von Zimmer zu Zimmer, ohne große Ahnung, was ich denn nun genau tun sollte.
Nach einer Stunde tauchte der Kollege wieder auf (ich war allein in dieser Stunde auf Station...) und wies mich barsch zurecht, ich hätte alles falsch gemacht: keine Wundverbände, nicht ordentlich genug Zimmer aufgeräumt, Katheter geleert etc.
Zur Strafe mußte ich eine Stunde länger bleiben und alles nochmal machen.
In den folgenden Tagen bekam ich von diesem Kollegen und anderen auch zu hören, daß ich ja gar nix könnte, nix wüßte und auch nix kapieren würde.
Akten, Medikamente, PC und anderes wurde mir "bei Todesstrafe" verboten. Ebenso alles, was mit Infusionen, Perfusoren, Spritzen (Insulin oder Clexane) zusamenhing.
Ich durfte dagegen alle Schutzhosen wechseln, lagern und Essen und Trinken anreichen sowie als Mädchen für alles für alle Examinierten (bring, hol, tu...) dienen. Und das machte ich offensichtlich so gut, daß ich oft die ganze Station alleine bearbeiten durfte. Währenddessen saßen die Kollegen im Dienstzimmer, führten wichtige Gespräche (vor allen Dingen lästern), bespritzten sich mit Blasenspritzen, mußten sich natürlich umziehen gehen, bewarfen sich mit Kopfkissen und hatten offensichtlich jede Menge Spaß.
Unnötig zu erwähnen, daß mir diese Kollegen mindestens zehnmal pro Dienst sagten, ich sei eine absolute Null und völlig unfähig zu allem.
Ich habe versucht das Beste aus dieser Situation zu machen. Ich habe mich vorrangig um die Patienten gekümmert, und diese Arbeit liebe ich einfach. Mir war es egal, ob ich lagern oder Schutzhosen gewechselt habe, für mich war der Mensch dahinter wichtig. Und die Patienten haben mich geliebt :-)
Es gibt einige Momente, die ich nicht vergessen werde, und für diese hat sich alles gelohnt!
Eine Patientin kam nach einem schweren Schlaganfall zu uns, sie konnte sich nicht bewegen und nicht sprechen. Ihr Sohn erzählte mir, was für eine quirlige und lebenslustige Frau sie bis dahin gewesen sei. Und nun lag sie da im Bett, wehrlos, ausgeliefert und hilflos.
Oft habe ich sie gestreichelt, sie etwas massiert, ihr etwas erzählt.
Nach ein paar Tagen konnte sie sich wieder bewegen, und auch jeden Tag etwas deutlicher und mehr reden. Für die Kollegen wurde sie unangenehm, fordernd, lästig - sie wurde fortan fixiert.... und wenn sie versorgt werden mußte, wurde geschimpft und gelästert über die "ätzende Patientin", vor ihrem Bett. Es nutzte auch nix, daß ich mehrmals sagte, sie ist klar und versteht alles....
Ich war gerne bei ihr, hab sie gerne versorgt, und ich hab mich über jeden Fortschritt gefreut.
Dann sollte sie verlegt werden, und ich bereitete alles für den Transport vor. Eine Examinierte war dabei und überwachte mich. Dann verabschiedete ich mich von der Patientin - und diese nahm meine Hand, küßte sie, drückte sie an ihre Wange, lächelte und sagte "danke für alles". Ich war sprachlos - meine Kollegein aber auch ;-)
Später meinte sie zu mir: Igitt, ICH lasse mich NICHT von Patienten anfassen, das sei ja einfach nur albern von der Patientin gewesen, klarer Fall von Demenz.
Die Wochen vergingen, und immer wieder stellte ich fest, daß mir der Umgang mit Patienten nicht gefiel auf dieser Station.
Da war die Rede von "Müll, der jeden Tag auf die Station kommt", da wurde meine Bitte abgelehnt, mir Techniken zur Mobilisierung zu zeigen, weil man ja den Kontakt zu Patienten nicht möge, nicht angefasst werden möchte, also bleiben alle im Bett. Verwirrte waren alle "banane" und gehörten in die Psychiatrie.
Auch der Umgang unter den Kollegen gefiel mir nicht, jeder lästerte über jeden, alle waren doof und faul, und Schüler waren grundsätzlich sowieso das Doofste und Allerletzte.
Am schlimmsten fand ich für mich als Schüler, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Einige Kollegen befahlen mir, Infusionen an- oder abzuhängen, in den Akten zu dokumentieren und Medikamente zu stellen - wenn ich es tat, wurde ich vor versammelter Mannschaft im Dienstzimmer angeschrieen, was mir einfiele, ich könne doch sowieso nix usw usw.
Egal was und wie ich es machte - es war falsch.
Mehrmals habe ich bestimmte Kollegen gebeten, wenn sie mich kritisieren, dies bitte in einem angemessenen Ton und nicht mit Geschrei zu tun. Zwecklos.
Letzte Woche Freitag hab ich mir ein Herz genommen und zwei Kollegen um Hilfe gebeten, weil ich einfach nicht mehr konnte, die Situation war unerträglich geworden für mich. Seitdem ist es besser geworden. Mittlerweile darf ich "alles", werde zwar beaufsichtigt, aber das finde ich normal als Schüler. Und ich gehe wieder fast ohne Bauchgrummeln zum Dienst :-)
Hinzufügen möchte ich, daß wir insgesamt 6 Schüler und 4 Praktikanten waren, und allen ging es ähnlich wie mir.
Die meisten examinierten Kollegen waren um die 25 und genossen es sichtlich, auch in meinem Beisein über mich abzulästern und mich "klein zu kriegen", so à la was will die hier überhaupt, soll sich besser um ihre Kinder kümmern etc.
Nun, auch wenn ich ziemlich Federn gelassen habe auf dieser Station - ich habe die Arbeit und die mit den Patienten wirklich geliebt, ich habe viel gelernt, und wie gesagt, einige Momente haben mich sehr berührt.
Ich bin im Reinen mit mir, ich habe gute Arbeit geleistet.
Und - ich habe Menschen nicht im Bett liegen gelassen, ich habe keinen Dekubitus verursacht, ich habe keinen Patienten verwechselt - all das haben die Kollegen gemacht, zum Teil mit sehr üblen Folgen.....
So, es war mir ein Bedürfnis, dies aufzuschreiben.
Wer bis hierhin genug Geduld gehabt hat - danke ;-)
marmotte